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Erinnern und Gedenken: Opfer der Zwangssterilisation


Die Stolpersteine in der Eingangshalle des Diakonieklinikums erinnern an zwei Opfer der Zwangssterilisationen in der Zeit des Nationalsozialismus: Adelheid (Adele) Nöbeling und Else Lisbeth Warnken verstarben an den Folgen der im damaligen Rotenburger Krankenhaus durchgeführten Operation.

Adelheid (Adele) Nöbeling wurde am 20. August 1902 in Hannover geboren. Ab 1921 lebte die damals 19-Jährige wegen einer Epilepsie in den Rotenburger Werken. Obwohl sie nach Umstellung ihrer Medikamente keine Anfälle mehr hatte, wurde sie im Juli 1935 im Rotenburger Krankenhaus wegen der Diagnose "erbliche Fallsucht" zwangssterilisiert. Sie verstarb am 26. Juli 1935 im Alter von 32 Jahren an den Folgen dieses Eingriffs.

Else Lisbeth Warnken wurde am 25. Dezember 1923 in Achim geboren. Als Neunjährige kam sie in die Rotenburger Werke, weil bei ihr ein „angeborener Schwachsinn mit starker motorischer Unruhe“ festgestellt worden war. Auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 wurde sie im Alter von 13 Jahren im Rotenburger Krankenhaus zwangssterilisiert. Else Lisbeth Warnken verstarb am 26. Juni 1937 an den Folgen der Operation.

Die Stolpersteine zur Erinnerung an die beiden verstorbenen Frauen wurden 2008 durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt. Im Februar 2014 folgte die Einweihung der dazugehörigen Informationstafel mit biographischen Dokumenten und Erläuterungen zum geschichtlichen Hintergrund.

Zur Einweihung der Informationstafel stellte Prof. Dr. Andreas Thiel, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die Biographien der beiden Frauen vor. PD Dr. Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München beleuchtete den historischen Kontext der Eugenik und der Zwangssterilisationen. Demzufolge stellten die Zwangssterilisationen eine Vorstufe der sogenannten T4-Aktion dar, bei der zahlreiche Menschen wegen einer psychischen Erkrankung oder Behinderung als "lebensunwertes Leben" ermordet wurden. Norbert Jachertz, Journalist und ehemaliger Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes, sprach zum Ausmaß der ärztlichen Verstrickung in die Verbrechen während des Nationalsozialismus und deren Aufarbeitung in der Nachkriegszeit.

Zwangssterilisation im Nationalsozialismus

Die Eugenik, auch als Erbgesundheitspflege oder Erbhygiene bezeichnet, entwickelte sich in Europa etwa seit 1900. Ziel der Eugenik war, mit bevölkerungs- und gesundheitspolitischen Maßnahmen den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.
Die Nationalsozialisten setzten diese Ideen der Eugenik radikal um. 1933 wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erlassen, nach dem Menschen mit verschiedenen Krankheiten sterilisiert werden sollten. Wörtlich heißt es im Gesetzestext: „Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet: angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht, erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, schwerer erblicher körperlicher Mißbildung“ sowie an „schwerem Alkoholismus“.

Etwa 360 000 Menschen wurden auf dieser Grundlage in den Jahren von 1933 bis 1945 sterilisiert.

Die Situation in Rotenburg

Das Krankenhaus des Diakonissen-Mutterhauses war als evangelisches, nicht staatliches Krankenhaus nicht verpflichtet, Sterilisationen nach diesem Gesetz durchzuführen. Dennoch beantragte Pastor Buhrfeind 1934 als Direktor der Rotenburger Anstalten der Inneren Mission sowie Leiter des  Diakonissen-Mutterhauses und des dazugehörigen Krankenhauses, Sterilisationen nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ durchführen zu dürfen. Buhrfeind folgte damit der Empfehlung des Centralausschusses der Inneren Mission, evangelische Krankenhäuser sollten bei freiwilligen Sterilisationen mitwirken.

In den Jahren 1934 bis 1945 wurden in Rotenburg 335 Bewohnerinnen und Bewohner der Rotenburger Anstalten sterilisiert. Dabei verstarben zwei Frauen an den Folgen dieser Eingriffe.

Die Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung  erbkranken Nachwuchses waren für die Nationalsozialisten nur der erste Schritt hin zur späteren Ermordung Kranker und Behinderter. Im Rahmen der Aktion T4 – benannt nach der Adresse der Berliner Zentrale für die systematische Vernichtung sogenannten lebensunwerten Lebens in der Tiergartenstraße 4 – wurden zwischen 1940 und 1945 mindestens 547 Bewohnerinnen und Bewohner der Rotenburger Anstalten ermordet.

STOLPERSTEINE

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Die Fieberkurve dokumentiert die Tage von der Aufnahme im Krankenhaus bis zum Tod von Adele Nöbeling am 25. Juli 1935 (Archiv der Rotenburger Werke)

Else Warnkens Vater bittet in seinem Brief vom 19.7.1934 an den Direktor der Rotenburger Anstalten darum, die Elfjährige in den Ferien zu Hause haben zu dürfen. Er verweist auf ihr jugendliches Alter. (Archiv der Rotenburger Werke)

Temperaturkurve von Else Warnken vom 21. Juni bis zu ihrem Tod am 26. Juni 1937 (Niedersächsisches Landesarchiv – Staatsarchiv Stade)

Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes Verden zur Unfruchtbarmachung von Adele Nöbeling, Mai 1935 (Archiv der Rotenburger Werke).