Tagebuch einer Reise nach Äthiopien vom 16. - 29.11.2009

Vorbemerkung

Seit mehr als 40 Jahren hat das Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg Kontakte nach Äthiopien. Etliche Diakonissen haben dort Dienst getan. Ausgehend von ihren Aktivitäten, vor allem aber auch durch den Dienst von Schwester Annemarie Weseloh, die, mit über 80 Jahren, noch immer regelmäßig nach Äthiopien fährt, gibt es inzwischen einige Projekte, in die wir involviert sind:
1.    Zusammen mit der äth. Organisation OSSA (s.u.) unterstützen wir inzwischen fast 200 Waisenkinder, deren Eltern an Aids verstorben sind oder schwer erkrankt. Die meisten in Nekemte, in West-Äthiopien (ca. 300 km von Addis entfernt), aber auch einige in Addis Abeba, der Hauptstadt.
2.    Das Missionshospital in Aira, noch einmal 160 km westlich von Nekemte, „mitten im Busch“, hat seit einigen Jahren eine Partnerschaft mit unserem Diakoniekrankenhaus in Rotenburg. Mehrfach sind Ärzte und Schwestern aus Rotenburg in Aira gewesen, Ärzte aus Aira in Rotenburg. Durch großzügige Spenden von Privatpersonen, aber auch durch div. Lions- und Rotary-Clubs aus Deutschland haben wir vielfältige Hilfe leisten können: ein „Ambulanz-Fahrzeug“ wurde angeschafft, eine gebrauchtes Röntgengerät konnte dort wieder aufgebaut und in Betrieb genommen werden, ein neues Narkosegerät tut seinen Dienst dort, ebenso ein Ultraschallgerät etc. etc. Insbesondere Dr. Horst Andresen, Ltd. Oberarzt aus Rotenburg, ist mehrere Male dort gewesen, um die äth. Kollegen zu schulen.
3.    Mit Hilfe vor allem vieler Rotary-Clubs ist es gelungen, in Nekemte eine Augenklinik aufzubauen. Die einzige für zig-Millionen. „Mensch und Material“ kommen seitdem vornehmlich aus Deutschland. In Kes Alemu Nega, einem äth. Pastor, haben wir einen guten Partner vor Ort gefunden, der das Management der Augenklinik übernommen hat.
4.    Darüber hinaus haben z.B. die Lions-Clubs der „North-Sea-Lions“ eine Autowerkstatt gefördert, in der AIDS-Waisen Grundbegriffe der Autoschlosserei lernen; in Verbindung damit ist ein Mehrzweckgebäude entstanden, das von OSSA vermietet wird. Die Einnahmen wiederum finanzieren die Arbeit mit den AIDS-Waisen.
5.    Schließlich sind durch Spenden aus Deutschland viele Einzelaktivitäten möglich, die vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen sollen: wir unterstützen einige hochbegabte Waisenkinder bei einem Studium, wir investieren in Bildung (Unterstützung von Schulen), aber helfen auch beim Hausbau oder bei Anschaffung überlebensnotwendiger Dinge.

Ich selbst bin ca. 10 x in Äthiopien gewesen. Die letzten Reisen, die insgesamt ja dazu diesen, den Kontakt zu halten (umgekehrt laden wir auch immer wieder Äthiopier ein), aber auch den Fortgang unserer Projekte zu beobachten, habe ich nicht mehr allein unternommen: Regelmäßig reise ich mit einer Gruppe von max. 20 Personen, überwiegend „Sponsoren“ oder Menschen, die an unseren Projekten besonders interessiert sind, um ihnen zu zeigen, was mit ihrem/unserem Geld geschieht. Außerdem bekommt ein Land eine völlig andere Bedeutung, wenn man es selbst sieht und erlebt.
Das war auch die Absicht dieser Reise. Dass es dazu viel Interessantes zu erleben gibt und auch durchaus touristisch viel zu sehen in einem diesbezüglich völlig unterentwickelten (aber reich gesegneten!) Land, wird im Folgenden deutlich. Die Tagebuchnotizen (die, wie immer, meine subjektiven Eindrücke sind), sind im Laufe der Reise, sozusagen „direkt“ niedergeschrieben worden.

In diesem Jahr waren mit: Rotarier aus Rotenburg, Schwäbisch Hall und Bremen (mit ihren Partnern/-innen), Mitarbeiterinnen des Diakoniekrankenhauses, Sponsoren, Fachleute für die Augenklinik, „Äthiopien-Infizierte“:
Annette Kläner-Brandt und Rainer Brandt, Heidi und Claus Buhrfeind, Annette Hauptmann, Olaf Klok, Wiebke Peters, Hillgritt Riese, Carmen Wienert und Sigrid und Michael Schwekendiek - alle aus der Region Rotenburg/W.; Christian Gehring, Ute Reiland sowie Amray und Dr. Martin Nowak aus Schw. Hall;
Uwe Drechsel aus Fulda, Peter Bellin und Gudrun Rath aus Hannover bzw. Ottersberg; Elke und Bernhard Crome aus Bremen; sowie (im 1. Teil der Reise) Ubbine und Klaus Washausen aus Gehrden.
Mit uns reisen außerdem immer Paulos und Tadesse:
Paulos ist Mitarbeiter von OSSA (früher Nekemte, jetzt Addis), gelernter Sozialarbeiter.
Tadesse haben wir vor Jahren mal gefördert in Schule und Ausbildung und „unternehmens-Gründung. Er ist Taxi-Unternehmer, Laienpastor, Helfer - und, wie Paulos eben auch, Reiseleiter auf dieser Reise. Ohne die beiden, ihre Sprachkenntnisse und ihr Organisationstalent ginge gar nichts!

Einige Erklärungen vorweg, die Ihnen das Lesen des folgenden Berichts (hoffentlich) leichter machen:
Birr    = äthiopische Währung. 1 Euro = ca. 18,50 Birr. Der höchste Geldschein ist ein 100-Birr-Schein = ca. 5,50€. Das macht´s mühsam...
Wott    = äth. National-/Dauergericht. Säuerlicher Pfannkuchenfladen; der (je nach Vermögen) mit Fleisch, Gemüse, Kartoffeln oder/und Eiern belegt wird. Sehr scharf. Gegessen wird in Äthiopien grundsätzlich mit der Hand.
OSSA    = Organisation for Social Service for Aids, eine sogenannte nicht-staatliche Hilfsorganisation, die eng mit div Kirchen (auch muslimischen!) zusammen arbeitet und sich der HIV-Positiven im Land annimmt. Man schätzt, dass ca. 0,5% (z.B. in Aira) bis 30 % (!) - z.B. in Addis - HIV-positiv sind. Da das auf die Gesamtbevölkerungszahl gerechnet wird, bedeutet das, dass in Addis mehr als jeder zweite Erwachsene (denn mehr als die Hälfte der Äthiopier sind unter 15!) HIV-positiv ist.



Montag, den 16. November

Kurz nach 16.00 h trifft sich der größte Teil der Gruppe auf dem Rotenburger Bahnhof, um mit dem Zug nach Frankfurt zu kommen. Unterwegs gibt´s noch Zustiege in Bremen und Osnabrück, bevor wir die „noch fehlenden“ auf dem  Frankfurter Flughafen treffen. Einchecken bei Ethiopian Airlines zum Nachtflug. Nicht so einfach. Aus irgendwelchen, allen unerfindlichen Gründen, fehlen zwei Namen auf der Flugliste. Es dauert fast eine Stunde, bis wir alles klar haben, und dann geht´s auch schon im Galopp durch die Kontrollen in den bis auf den letzten Platz besetzten Flieger.  Warum Addis Abeba fast nur - und zwar egal von wem - nachts angeflogen wird, ist mir ein Rätsel. Es ist, wie es ist, und es ist unbequem. Speziell dieser Flieger aber scheint nur für Japaner mit maximal 1,65m Körpergröße konzipiert gewesen zu sein...


Dienstag, den 17. November

Wenigstens ist das Wetter herrlich als wir frühmorgens ankommen, und der Zoll macht uns auch keine Mühe! So kommen wir alle einigermaßen zügig durch alle Kontrollen, wo uns Paulos und Tadesse schon erwarten. Frohes Wiedersehen bei denen, die die beiden kennen; gespannte Erwartung bei allen anderen. Der Bus steht bereit, und es geht erst einmal ab zum Hotel. Dort „zaubert“ man uns noch ein schnelles zweites Frühstück, dann geht´s schnell auf die Zimmer, auspacken, Wasser „testen“ (läuft!) und schon beginnt die Sightseeing-Tour durch Addis. Paulos und Tadesse haben einige Infos vorbereitet, ein guide gesellt sich zu uns und wir erleben die laute, lärmende und überhaupt nicht sonderlich beeindruckende Stadt Addis Abeba. 4 Mio. Einwohner, davon ca. 60% ohne Arbeit, gut 5% HIV-positiv, über 120.000 Aids-Waisen - viel Gutes gibt es nicht aus dieser Stadt zu berichten. Aber gerade für diejenigen von uns, die zum ersten Male da sind, ist alles anders und fremdartig. Erst einmal schon die Höhe! Die Stadt liegt zwischen 2.200 und 3.200 m Meereshöhe; und wir natürlich als erstes auf den höchsten Gipfel!Mühsam, mühsam für`n alten Flachländer. Dann geht´s zu „Lucy“, dem ältesten Menschen der Erde (ca. 3,2 Mio Jahre alt, gefunden in Äthiopien) im Nationalmuseum und schließlich noch über den „mercato“, den größten Markt Afrikas mit seinen bunten Auslagen, Menschenmassen und allem Staub und Dreck. Man steigt als Europäer hier sowieso besser nicht aus; aber der Eindruck vom Bus aus ist schon gewaltig genug. Außerdem sind wir alle hundemüde. So eine schlaflose Nacht steckt man nicht mal eben weg...
Zu meiner persönlichen großen Freude kommt Sintayu. Er studiert 500 km entfernt und ist extra nach Addis gekommen, um mich zu sehen. S. Annemarie hatte ihn mal aufgenommen, als seine Mutter an Aids starb. Da war er etwa fünf Jahre alt. Keine Familie, keine Verwandten - solche Kinder landen normalerweise auf der Straße (allein 600.000 in Addis und Umgebung!), wenn nicht S. Annemarie und OSSA gewesen wären. Und gemeinsam haben wir dann vor einigen Jahren entdeckt, dass Sintayu außergewöhnlich begabt ist. Nun studiert er Informatik und macht sich gut. Und ich freue mich wie ein Schneekönig, ihn zu sehen.
Paulos hat inzwischen Geld umgetauscht, das wir für unseren Aufenthalt brauchen. Aus ca. 50 gr. Euro-Scheinen wurden ca. 10 kg (!) Birr-Scheine.  Die verteile ich abends noch an meine Mitreisenden, damit ich nicht mit dem ganzen Geld und dem ganzen Gewicht rumlaufen muss.
Morgen soll´s schon um 5.30 h losgehen; und dabei sind wir in Äthiopien zwei Stunden voraus. Also eigentlich wär´s dann 3.30 h MEZ - aber bevor´s wieder kaum Schlaf gibt, gehen die meisten schon reichlich früh ins Bett. Übrigens: unser äthiopisches Hotel ist nicht schlecht!


Mittwoch, den 18. November

Leider ist direkt neben dem Hotel eine Disco. Und aus irgendwelchen Gründen stellt jede richtige äthiopische Disco die größten Lautsprecher auf die Straße. In unserem Zimmer im 7. Stock (!) hatten wir das Gefühl, wir lägen direkt vor der Tanzfläche. Jedenfalls war die Nacht laut und dadurch viel zu kurz. Glücklicherweise hatten die meisten ihr Zimmer zur anderen Seite hin.
Kurzes Frühstück, und schon geht`s ab zum Flughafen, einchecken nach Bahir Dar, unsere nächste Station. Ein wunderschöner Flug von knapp 60 Minuten Dauer und wir landen am Tanasee, dem größten Binnensee Äthiopiens. 3500 qkm groß (75 km lang und 60 km breit), herrlichstes Wetter, ein schönes Hotel mit lauter kleinen Bungalows. Dann besteigen wir ein kleines Schiff, extra für uns gechartert. Im Tanasee liegen verschiedene Inseln mit alten orthodoxen Klöstern. Das schönste 35 km entfernt, also mitten im See, und wir brauchen knapp 3 Stunden bis dahin. Aber was soll´s ?! Es könnte kaum schöner sein! Angenehme Temperaturen, keine Wolke am Himmel und nichts los! Der Tanasee gilt als die Touristenhochburg Äthiopiens, aber davon ist so gut wie nichts zu sehen. Dafür sehen wir eine ganze Reihe von Fischern, die mit klitzekleinen Papyrusbooten (etwa so groß wie ein Paddelboot) ihrem mühsamen Handwerk nachgehen. Wir haben Lunchpakete an Bord, genügend Getränke und genießen den Tag. Außerdem erleichtert so eine Bootsfahrt die Kommunikation und das Kennenlernen in der Gruppe doch erheblich. Auf der Insel Dek sehen wir dann ein altes Kloster in äthiopischer Rundbauweise (fast wie eine riesengroße Rundhütte), ca. 300-400 Jahre alt, mit den vielen typischen äthiopischen  und sehr eindrücklichen Bildern zur Bibel über und über bemalt. Durch unsere guide bekommen wir ausgezeichnete Informationen, die Mönche (65 leben hier) zeigen uns dann noch voller Stolz alte, wunderschön kolorierte Handschriften, Kinder bieten uns Souvenirs an (wir sind im Übrigen die einzigen Touristen auch hier!) und dann geht´s wieder auf „unser“ Boot, zur nächsten Klosteranlage. Wieder sehr eindrückliche Bilder, blitzschnell aufgebaute Souvenirstände und bei wunderschönem Sonnenuntergang legen wir wieder in Bahir Dar an. Ein herrlicher Tag!
Am Abend isst „man“ draußen und genießt die Stille des Hotels, dazu ein herrliches offenes Feuer und der frisch gebrannte wunderbare äthiopische Kaffee. Keine Disco, keine hupenden Autos, abgesehen von den paar Touristen herrliche Ruhe! So soll´s sein!


Donnerstag, den 19. November

Endlich mal ausschlafen. Start ist erst um 9.30 h zum Wasserfall des Blauen Nils. „Eine Stunde Hinfahrt, eine Stunde Fußmarsch, eine Stunde Rückfahrt“ prognostizieren uns Paulos und Tadesse. Weit gefehlt! Erst einmal geht´s durch die typisch äthiopische Landschaft auf einer Schotterpiste in dichten Staubwolken voran. Überall sieht man fleißige Landarbeiter, die mühsam den Boden umpflügen. Ein biblisches Bild: hinter einem Ochsen ein Mann mit einem Holzhaken (!), der den Boden umbricht. Plötzlich ein großer Schwarm Marabus auf einer Wiese am Straßenrand. Anhalten, Fotos, weiter. Nach einer Stunde kommen wir tatsächlich am Ausgangspunkt unserer Wanderung an: angeboten wird eine „leichte Strecke“ ohne viel Auf und Ab und eine etwas schwierigere. Wir teilen uns auf. Es ist herrlicher Weg (egal welcher!) bei herrlichem Wetter. Fast unberührte Landschaft, zwischendurch begegnen uns Feuerholz-tragende Frauen, die mit ihrem Packen Holz auf dem Rücken (wir hatten es tags zuvor getestet: der wiegt gut einen Zentner!) nicht langsamer vorankommen als wir. Überall wunderschöne Ausblicke auf den Nil, die Lebensader der Gegend; alle paar hundert Meter treffen wir auf Kinder, die uns selbstgewebte, sehr schöne Tuche anbieten, kleine Souvenirs oder einfach nur mit uns englisch palavern wollen. Eine kleine 11-jährige bittet mich intensiv, ihr doch was auf dem Rückweg abzukaufen. Als ich ihr erzähle, sie sei mindestens schon die 12., die dieses von mir wolle, guckt sie traurig. Tadesse, der uns begleitet, meint darauf tröstend zu ihr, sie solle sich bloß nicht entmutigen lassen, er sei damals allenfalls der 17. gewesen...!
Die Nilfälle sind beeindruckend. Aus über 40 Metern fällt das Wasser tosend einen Steilabhang hinunter. Jetzt, in der Trockenzeit, noch imposant genug, in der Regenzeit erstreckt sich das Ganze dann auf etwa 400 m Breite und ist damit der zweitgrößte Wasserfall Afrikas (nach den Victoriafällen). Ebenso beeindruckend aber ist für uns der wunderschöne Weg durch die traumhafte Landschaft. Eines  d e r  touristischen highlights Äthiopien, aber touristisch überhaupt nicht erschlossen, sondern völlig ursprünglich. An entscheidenden Punkten allerdings sind junge Äthiopier sofort zur Stelle: so, als wir einen Zufluß zum Nil an einer flachen Furt überqueren müssen. Brücke gibt´s natürlich nicht. Also: entweder Schuhe und Strümpfe aus, Hosen hochkrempeln und rüber oder, eh man sich´s versieht, packen zwei junge kräftige Äthiopier zu und tragen einen hinüber - natürlich gegen entsprechende „Vergütung“.
Am Wasserfall treffen wir uns aus unseren beiden Gruppen wieder und nehmen alle den leichten Weg zurück. Er beinhaltet eine weitere Nilüberquerung, dieses Mal allerdings mit einer „Fähre“, einem schlichten uralten Stakboot. Am Anleger ist was los! Hauptumschlagplatz für allerlei Waren, für Äthiopier auf dem Weg zum/vom Markt - und für 22 deutsche Touristen. Abenteuerlich! Der Preis für einen Deutschen für die Überfahrt liegt übrigens exakt 20 Mal so hoch wie für einen Äthiopier...!
Fast 3 Stunden hat unser Fußmarsch schließlich gedauert, aber es hat sich gelohnt! Dann geht´s mit dem Bus wieder zurück nach Bahir Dar; es gibt ein spätes, fröhliches Mittagessen in einem Hotel, das die beste Zeit mit Sicherheit lange hinter sich hat. Der Schuhputzer vorm Hotel verdient anschließend erst einmal vermutlich den vollen Monatslohn innerhalb einer Viertelstunde, weil er einer Reihe von Touristen die staub-grauen Schuhe blitzblank putzt; dann folgt noch ein Abstecher zu einem kleinen Basar (Anpreisung eines Wedels aus Pferdehaaren: „it´s good for when the flies come!“),  vorbei an „echten Villen“ direkt am Nilufer (wie ich sie in Äthiopien noch nie gesehen habe!) zu einem hoch gelegenen wunderschönen Aussichtspunkt mit herrlichem Blick über Bahir Dar, den Blauen Nil und den Tanasee. Eine aufkommende Bewölkung sorgt für bestes Fotolicht, und als wir im Bus sitzen und in unser Hotel zurück  kommen, fängt es tatsächlich an zu regnen. Ungewöhnlich für diese Zeit. Aber es bleibt ein kurzer Schauer bevor wir uns zum Abendessen treffen. Es gibt wieder viel zu erzählen, denn es war wieder ein wunderschöner Tag mit unendlich vielen Eindrücken. 


Freitag, den 20. November

Gewisse Dinge in Äthiopien sind immer gleich: so steht aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen in den Bädern äthiopischer Hotels immer Wasser auf dem Fußboden. Irgendwo leckt`s garantiert. Dafür tröpfelt dann mitunter die Dusche nur, die WC-Spülung hakt, das warme Wasser läuft nicht - oder was auch immer. Nachdem wir auf den steigenden Wasserspiegel in unserem Bad hingewiesen hatten, kam am Abend zuvor eine Art Klempner - genau zu dem Zeitpunkt, als ich im Bad war. Kein Problem. Er wollte nach 10 Minuten wieder kommen. Heute morgen, 10 Stunden (!) später, war er noch nicht wieder da. Aber das ist ja durchaus kein afrikanisches Problem...
Es hatte die Nacht über heftig geregnet, aber morgens schien schon wieder die Sonne und wir haben einen kurzen, aber besonders schönen Flug von Bahir Dar nach Lalibela. Man überfliegt in geringer Höhe gewaltige Felsschluchten, kleine Runddörfer auf Hochplateaus und landet dann auf dem winzigen Flughafen von Lalibela. Die Stadt (15.000 EW) liegt gut 40 Minuten vom Flughafen entfernt, es geht gewaltig hoch und runter bis wir unser Hotel erreichen. Hier ist  ein anderes touristische Zentrum Äthiopiens, aber von Tourismus ist auch hier wenig zu sehen. Im Grunde fehlt fast jede Infrastruktur.
Gleich nach dem Lunch machen wir uns an die Besichtigung der weltberühmten Felsenkirchen, z.T. 900 Jahre alt, durch den König Lalibela erbaut, allesamt in einem Stück aus den Felsen gehauen. Beeindruckend!! 11 verschiedene gibt es in Lalibela, die ersten fünf nehmen wir uns für heute vor, die anderen für morgen. Lalibela ist   d a s  Heiligtum der äthiopisch-orthodoxen Kirche; vergleichbar mit Jerusalem für Juden und Katholiken. Die  orthodoxe Kirche bewahrt sich viel Mythen und Sagen, die, vermischt mit der Bibel, mitunter ein eigenartiges Gemisch ergeben. Unser (orthodoxer) guide wird geradezu ein wenig ungnädig, als ich bezweifle, ob seine Version, dass Christus mit exakt 5 Nägeln gekreuzigt wäre, wirklich beweisbar wäre oder so  in der Bibel stünde... Sei´s drum. Gebaut haben soll der König Lalibela die Kirchen im 13. Jahrhundert nach einer himmlischen Vision, hier ein neues Jerusalem aufzubauen; und geholfen bei der enormen Arbeit haben ihm die Engel. Seine Ehefrau, so wird erzählt, habe das nicht so recht glauben wollen, als ihr Mann ihr berichtete, wenn er mal wieder Tag und Nacht in Baugeschäften unterwegs war, er arbeite mit Engeln. Die Abwesenheitsbegründung käme vermutlich auch heute nicht überzeugend an. Als sie ihm eines nachts dann heimlich folgte, sah sie, dass seine Geschichte aber stimmte...!
Die Felsenkirchen sind  beeindruckend mit ihrer  Architektur, ihren Wandgemälden und den allgegenwärtigen orthodoxen Priestern in ihren farbenprächtigen Gewändern. Überall muss man sich natürlich die Schuhe ausziehen, und mit uns zieht ein treuer Schuhwächter, der spätestens nach der 3. Kirche genau weiß, welcher Schuh zu wem gehört. Umsonst allerdings ist das auch nicht. Alle Felsenkirchen sind im Übrigen noch „in Gebrauch“, also keinesfalls Museen.
Abends im Hotel gibt´s wieder entsprechend was zu erzählen. Nach Sonnenuntergang ist es meistens kalt in Lalibela (gut 2.600 m hoch), und im Hotel fällt mal wieder der Strom vorübergehend aus - auch ein typisch äthiopisches Phänomen wie das tröpfelnde Wasser. Aber letztlich sind das Kleinigkeiten. Verglichen mit den Äthiopiern wohnen wir sowieso wie die Könige! In der „Bar“ unseres Hotels gibt ein junges äthiopisches Paar traditionelle Musik zum Besten und animiert zum Tanzen. Besonders begeistert davon ist das Bedienungspersonal; wir Europäer wirken neben den sich sehr rhythmisch und grazil bewegenden Afrikanern etwas hölzern.,,..
Welche Probleme es (unter Anderem!) aber bei diesen so freundlichen und zuvorkommenden Menschen gibt, erzählt mir unser guide, ein junger Mann, etwa Ende 20. Auf meine Frage, ob er verheiratet sei, meint er, das ginge nicht. Er habe zwar eine feste Freundin, könne die aber nicht heiraten, weil er der einzige in seiner Familie sei, der Arbeit gefunden habe, und mit seinem Verdienst müsse er alle anderen unterstützen. Wenn er heiraten würde, müsste er für seine Frau (und später dann ihre gemeinsame Familie) aufkommen, dann würde es aber nicht mehr für seine ursprüngliche Familie reichen. Folglich sei an heiraten zur Zeit gar nicht zu denken.
„Unser“ Paulos hat im Grunde das gleiche Problem, Tadesse ebenso: beide unterstützen mit ihrem Verdienst die Großfamilie. Und damit reicht´s für alle kaum zum Überleben. Paulos, der sehr fleißig ist, begabt und intelligent, kann sich kein  eigenes Haus leisten (aber die Miete in Addis ist enorm), weil er die dafür notwendigen 10.000 € nie zusammen bekommen wird, einzig und allein, weil er seine Brüder z.T. unterstützt, seinen Neffen etc. etc.  Ich sage ihm zu, über Hilfe nachzudenken. Familie wird in Äthiopien groß geschrieben. Ein Segen. Aber manchmal auch eine große Last.


Samstag, den 21. November

Religion kann einem auch auf den Senkel gehen ! Die ganze Nacht hindurch singen orthodoxe Priester,  verstärkt über gewaltige Lautsprecher, die in den Bäumen hängen, ihren religiösen Sing-Sang. Dagegen sind selbst die Muezzin Waisenknaben und unser heimatliches 5-minütiges Glockengeläut am Sonntagmorgen Balsam für die Ohren. Religion, die sich auf diese Weise gewaltsam bemerkbar macht, kommt mir durchaus auch suspekt vor. Aber heute ist ein besonderer Tag: Feiertag des Erzengels Michael (!). Den gibt´s allerdings monatlich, so wie die orthodoxe Kirche in Äthiopien insgesamt 112 offizielle kirchliche Feiertage hat. Manche sehen darin einen Grund, warum es so wenig voran geht im Land...
Wir machen uns gleich nach dem Frühstück auf und erleben das Ende eines orthodoxen Gottesdienstes noch mit. Und das ist schon beeindruckend. Auf einem Felsenplateau unmittelbar vor einer der Kirchen (drinnen wäre es viel zu klein), hocken einige hundert in weiße Tücher gehüllte Menschen und lauschen der über Lautsprecher (s.o.) vorgetragenen Rede des Priesters. Er, in farbige Gewänder gekleidet, bildet einen beeindruckenden Kontrast zu seiner Gemeinde. Wir lassen uns übersetzen, wie er gewaltig von Michael, dem Erzengel, predigt, der dem Volk Israel durch das Rote Meer beim Auszug aus Ägypten geholfen habe. Das ist biblisch zwar nirgendwo bezeugt, aber mit ausgewogener protestantischer Predigt käme man hier sicher nicht weiter. Es ist ja auch nicht von ungefähr, dass viele Afrikaner deutschen Missionaren inzwischen mitgeteilt haben, dass sie das besser könnten, den Menschen predigen. Wir sind viel zu „nüchtern“. Zum Schluss erheben sich alle, murmeln Segensgebete mit und gehen wieder ihres Wegs. Zum gleichen Zeitpunkt beginnt ohnehin der große Markt in Lalibela und mit lauter Musik überholt uns just in diesem Moment ein Auto, das (ebenfalls über Lautsprecher) für die staatliche Lotterie wirbt...
Wir aber haben erst einmal die restlichen Felsenkirchen Lalibelas vor uns. Allesamt in etwa aus der gleichen Zeit (also 13. Jahrhundert), allesamt sehr ähnlich und sehr beeindruckend. Außerdem sind sie alle durch ebenfalls in den Fels gehauene unterirdische Gänge verbunden, die wir zum Teil erkunden. Unser „shoe-keeper“ ist selbstverständlich wieder zur Stelle und bewacht vor jedem Tempeleingang die Schuhe,die man sich vor dem Betreten auzuziehen hat; im Inneren zeigt uns ein Priester stolz eines der vielen alten Lalibelakreuze, mit geradezu stoischer Ruhe lassen sie sich fotografieren. Die berühmteste Kirche ist unsere letzte, die „St.Georgs-Kirche“, die, ebenfalls komplett monolithisch, die Arche Noahs versinnbildlicht.

Anschließend geht´s für alle auf den Markt, der jeden Samstag in Lalibela stattfindet. Kein Touristenmarkt, schon gar kein Basar, wie er manchem aus Tunesien, Israel oder der Türkei bekannt sein mag, sondern eine riesiger äthiopischer „Wochenmarkt“, wo alles, was die Menschen zum Leben brauchen ge- oder verkauft wird: Eier und Hühner, Esel und Kühe, Schafe, Ziegen, Mais, Weizen, Zucker, Salz, Linsen, Kaffee, Schuhe und Kleider, Tücher und Hosen, Möbel, Töpfe, Pfannen - alles. Und nahezu alles liegt auf dem Boden. Tausende von Käufern und Verkäufern drängen sich. Und bei aller Buntheit ist die Armut der allermeisten nicht zu übersehen. Es ist - wieder einmal - ein archaisches Bild. Und wir mittendrin; bestaunt, zurückhaltend aber immer freundlich begrüßt, fasziniert. Das ist eine so andere Welt als unsere und wird vor 3000 Jahren kaum anders ausgesehen haben.
Natürlich kaufen einige von uns doch noch ein paar der wunderschön gewebten Tücher, bevor wir in ein einheimisches „Restaurant“ einkehren zur heimischen „Wott“. Wie die Äthiopier, essen auch wir natürlich mit den Fingern, wobei vorher und nach dem Essen jemand mit einer Waschschale und Wasser herumkommt. Es schmeckt uns allen, vor allem auch der wiederum frisch für uns geröstete und gekochte wunderbare äthiopische Kaffee. Durch eine Seitenstraße im Ort geht´s dann wieder zurück zum Hotel, ein Gang durch ein längst vergangenes Jahrtausend, bei dem lediglich die staubigen Wellbleche auf einigen der erdfarbenen Hütten davon zeugen, dass  sich hier auch etwas geändert hat in den letzten Jahren. Es ist wenig genug. Gut so - oder ? In der „touristischen Hochburg“ Äthiopiens erlebt man nahezu völlig unverfälschtes „Äthiopien pur“, keine Souvenirhändler auf dem Markt, keine Shows, auch keine gut ausgeleuchteten und befestigten Wege; wir laufen durch Staub und über Felsen wie alle anderen auch, und unser Hotel, das natürlich weit über dem Standard jeder äthiopischen Familie liegt, würde in Deutschland weder zugelassen werden noch existieren können.

An das schöne Wetter (es sind sicherlich gut 25 °C) haben wir uns schon gewöhnt, die Gruppe untereinander versteht sich immer noch bestens und so treffen wir uns froh gelaunt und geduscht abends zum „open fire“ wieder. Es ist ein freundliches Land, Äthiopien, das drittärmste Land der Erde.


Sonntag, den 22. November

Jetzt hat´s uns doch erwischt! Die ersten blicken etwas bleich drein; Magen und Darm haben offensichtlich nicht alles akzeptiert, was es da so an fremdartigen Gewürzen, Getränken und Speisen gibt. Das „Restaurant“ gestern war vielleicht doch etwas zu schlicht...  Aber „die Karawane zieht weiter“: frühmorgens geht`s zum Flughafen und nach einem wunderschönen einstündigen Flug landen wir wieder in Addis.
Der touristische Teil der Reise liegt weitgehend hinter uns. Paulos zeigt uns einiges aus der Arbeit von OSSA Addis: vier Familien besuchen wir in kleineren Gruppen, die allesamt von OSSA betreut werden. Drei habwüchsige Jungen, die ihre Eltern durch Aids verloren haben und, schon damit sie weiterhin zur Schule gehen können, die Unterstützung brauchen: Mit Rat und Tat! D.h. neben einem ständigen „councelling“ bekommen sie ca. 500 Birr im Monat (= ca. 25 €). 200 Birr kostet bereits ihre „Wohnung“, ein winziger Raum, ca. 8 qm groß, mit der nackten Erde als Fußboden, zwei notdürftigen Bettgestellen und einer Kochstelle. Die nächste „Familie“ besteht aus 4 Kindern, die älteste gerade 15, ein zweiter Junge etwa 12 Jahre alt, dazu zwei kleine etwa 3-jährige, beide HIV-positiv. Paulos sucht dringend einen Sponsor für diese Familie, und spontan findet sich jemand aus unsere Gruppe. Als nächste kommt eine junge Frau, die in einer mehr als jämmerlichen Schilfhütte mit ihren drei kleinen Kindern wohnt. Sie selbst HIV-positiv. Grotesk wirkt das Ganze dadurch, dass diese Hütte in einem Slum unmittelbar vorm Zugang zum Sheraton-Hotel liegt, dem mondänsten und teuersten Hotel Äthiopiens.
Die letzte Familie schließlich hatte ich schon im Jahr davor gesehen: 5 Geschwister, deren Eltern ebenfalls an Aids verstorben waren. Als wir sie im letzten Jahr in einer überaus jämmerlichen Hütte fanden, war die älteste Schwester, damals gerade 17, drauf und dran, für ihre Geschwister und sich das Überleben durch Prostitution zu sichern. Für nicht wenige Frauen der einzige Weg zum Überleben. Im letzten Jahr fand sich aberfür diese jungen Leute sofort ein Sponsor, und als wir sie in diesem Jahr wieder sahen, waren sie kaum wieder zu erkennen: in einer neuen Hütte - ebenfalls sehr klein, aber doch bewohnbar - alle gehen zur Schule, haben zu essen, und die heute 18-jährige wird im nächsten Jahr zur Universität wechseln können. Und das alles für 50 Euro im Monat! So etwas ist für alle, aber auch für mich persönlich, äußerst ermutigend.

Zu acht machen wir uns anschließend auf zu Tadesses Zuhause. Seine Familie hat für uns extra europäisch gekocht. Es schmeckt hervorragend, und auch hier staunen wir, was entstanden ist. Aus einer wirklich miesen dunklen Lehmhütte ohne Möbel (es gab nur ein paar Matten), ohne Licht, Wasser Toilette, hat Tadesse ein sehr kleines aber sehr schönes Häuschen gemacht. Er ist ein gutes Beispiel der Hilfe zur Selbsthilfe, denn das hat er sich, nachdem wir ihm den Start ermöglicht haben, alles selbst erarbeitet. Stolz wird uns der 6-monatige Sohn präsentiert, und natürlich wird erwartet, dass der Pastor aus Deutschland noch einen besonderen Segensspruch für ihn bereit hat - gerne.
Es zeigt sich in unserem Gespräch mit Tadesse und seiner Familie aber auch, dass Beratung für ihn immer wieder und nach wie vor nötig ist. Viele Äthiopier haben tolle Ideen, was man machen könnte und müsste, ohne sie aber wirklich durch zu planen. Tadesse will eine Privatschule aufmachen, um eine Alternative zum ausgesprochen schlechten öffentlichen Bildungssystem anzubieten. 5 Klassen plant er, in drei Klassen soll Schulgeld bezahlt werden und damit zwei weitere unterstützt werden. Außerdem will er als Lehrerinnen Frauen anstellen, die ansonsten in allen Bildungsschichten in Äthiopien deutlich benachteiligt werden. Gute Idee, aber schon nach 10 Minuten können wir ihm klar machen, dass er nicht zuende gerechnet hat, dass er mit dem bisschen Geld, das er veranschlagt hat, kaum 3 Monate überstehen kann. Er wird sich nun hinsetzen und nach Partnern suchen, einen richtigen Business-Plan machen, und dann wir man sehen. Das ist im Übrigen kein Einzelfall! Ein deutscher Unternehmer fördert Existenzgründungen in Äthiopien - sehr großzügig. Die Leute müssen eine Idee haben und einen guten Plan: hunderte bewerben sich, die meisten wollen irgendein Internet-Café eröffnen oder Ähnliches. Außergewöhnliche Idee sind selten, durchdachte Planungen noch seltener.
Ich bekomme Besuch von Dr.  Dawit, einem ausgezeichneten jungen Chirurgen, der schon und früher in Aira gearbeitet hat. Das dortige Krankenhaus hielt er mal für „das beste der Welt“ (!). Er war damals noch nie aus Äthiopien herausgekommen. Inzwischen hat er auch deutsche Krankenhäuser gesehen, war zweimal in Rotenburg und sieht die Sache etwas anders... Er wird sich nun als Arzt in Addis niederlassen und nebenbei eine Professur an der Uni übernehmen. Das wird er können! In Aira kam er mit der Verwaltung nicht mehr zurecht und mit der äthiopischen Kirche (der - vermutlich - das Hospital gehört) ebenfalls nicht. Schade! So einen würde man da sicher unbedingt brauchen!
Am Abend fahren wir zu einer Show mit traditionellen (hochprofessionell dargebotenen!) Tänzen in ein etwas außerhalb von Addis liegendem Hotel; dazu gibt´s ein schönes warmes Buffett und äthiopischen Wein oder Bier. Die Show ist laut aber beeindruckend und auch aus unserer Gruppe lassen sich viele zum Mittanzen mitreißen. Als ich Paulos und Tadesse frage, ob sie schon mal mit ihren Ehefrauen hier gewesen wären, verneinen beide - aber nicht, weil´s nicht eben billig ist, sondern weil ihre Frauen „strenge Christinnen“ wären, die sich so etwas niemals ansehen würden. Dabei ist nun wirklich gar nichts Anstößiges zu sehen oder zu erleben - nur pure Lebensfreude. Die Missionare des 19. Jahrhunderts haben auch die damalige (Spieß-)bürgerlichkeit der Gesellschaft mit nach Afrika gebracht. Und so was hält sich. Leider.


Montag, den 23. November

„Montezumas Rache“ greift weiter um sich. Die Zahl der Bleichen hat sich erhöht. Trotzdem: wir  m ü s s e n  heute nach Nekemte. Der Bus wartet schon, das Gepäck geht gerade rein (die Fahrstühle im Hotel hatten kurz vorher den Geist aufgegeben, so dass mancher plötzlich mit seinem schweren Koffer im 6. oder 7 Stock vor der Treppe stand), dann starten wir. Durch das zu diesem Zeitpunkt überfüllte Addis geht es vorbei am Gelände der Hermannsburger Mission (letzte „europäische Toilette“!) über die neue, von Chinesen erbaute Landstrasse bis nach Ejajji. Das ist der Heimatort von Paulos, der uns weiterhin begleiten wird (Tadesse bleibt in Addis; er war mehr für den ersten Teil der Reise verantwortlich). Paulos’ Frau und seine Schwester  Ebisse (große Wiedersehensfreude für mich!) sind einen Tag zuvor extra von Addis aus nach Ejajii gereist (250 km!!), um für uns alle zu backen und zu kochen, damit wir in seinem Elternhaus unterwegs verpflegt werden können. Äthiopische Gastfreundschaft!!!
Aber die Fahrt wird für manche von uns zur Tortur. Die „gute Straße“ endet 150 km hinter Addis, dann geht’s auf löcherigem Asphalt im 30-iger Schnitt mühsam voran. Die Magen- und Darm-Kranken leiden furchtbar - und wir mit ihnen; aber da ist „Mit-Leiden“ natürlich nur bedingt möglich. Die Fahrt zieht und zieht sich, wir haben kaum noch Augen für die wirklich wunderschöne und immer grüner werdende Landschaft. Schließlich, nach gut 10 Stunden Fahrt für etwa 360 km, landen wir in Nekemte. Müde, erschöpft, aber glücklich, endlich da zu sein. Olaf Klok hat heute Geburtstag. Zu einem Geburtstagsständchen reicht es noch, aber zum Feiern ist ihm kaum zumute. Die „Überlebenden“ lassen sich von OSSA zum Abendessen einladen. Ato Temesgen und Ato (=Herr) Galalcha, die Leiter des OSSA-Büros,  heißen uns willkommen. Washausens verabschieden sich. Sie reisen am nächsten Morgen sehr früh gleich weiter nach Aira, um dort einen Freund zu besuchen, unsere Gruppe wird also leider etwas kleiner. Wir anderen denken nicht an morgen „früh“, sondern eher an morgen „spät“ und hoffen, dass dann alle wieder einigermaßen fit sind.


Dienstag, den 24. November

Die Nachtruhe hat uns gut getan. Im Großen und Ganzen funktioniert auch im Hotel alles: Wasser, Licht (wenigstens teilweise. Bernd Crome stellt fest: „Die Nachttischlampen sind doppelt gesichert: 1. fehlt der Stecker und 2. die Birne...“). Mit uns zu Gast sind im Übrigen auch viele andere Hotelbewohner: Flöhe, Mücken, blitzschnelle Kakerlaken... Ist so, in Afrika!
Die Zahl der Gesunden hat sich zwar wieder erhöht, aber einige von uns müssen doch noch im Hotel bleiben. Alle anderen machen sich auf zur „OSSA-garage“, einer Autoreparatur-Werkstatt, die wir vor Jahren einmal eingerichtet haben. Zu unserer Freude läuft sie noch immer! Und älter gewordenen Waisenkinder, die wir unterstützt haben, erhalten hier eine drei- bis viermonatige Kurzausbildung als Automechaniker (mehr gibt´s in Äthiopien sowieso nicht) und - das ist das Beste! - bekommen anschließend überwiegend eine Anstellung. Ato Temesgen erzählt uns was zu OSSA und den Aktivitäten des Rotenburger Diakonissen-Mutterhauses in diesem Zusammenhang, und anschließend besuchen wir in kleineren Gruppen einige Familien, die aus Deutschland unterstützt werden. Von den beeindruckenden, und teilweise erschütternden Begegnungen soll nur eine berichtet werden: eine offensichtlich selbst schwer erkrankte Frau findet beim Holzsammeln ein ausgesetztes Kleinkind und nimmt es mit nachhause. Die eigenen Kinder der Frau (der Mann lebt schon lange nicht mehr) sind so entsetzt, dass die Mutter, wo es für sie selbst kaum zum Überleben reicht, nun noch ein fremdes Kind mitbringt, dass sie das Haus verlassen und lieber als Straßenkinder leben als noch mit einem fremden Kind unter einem Dach. OSSA will Frau und Kind nun unterstützen und sucht dringend Paten dafür.
Unser Augenarzt, Martin Nowak, ist derweil längst unterwegs mit Kes (=Pastor) Alemu und Ute Reiland, der erfahrenen Krankenschwester aus der Haller Augenklinik, um in der Augenklinik Nekemte eine Reihe von Patienten zu untersuchen, mitbebrachtes Material zu installieren und die äthiopischen Mitarbeiter zu beraten.
Nach dem Mittagsessen im Hotel besichtigen wir allesamt das Krankenhaus Nekemte. Mehrfach habe ich in meinen Berichten darüber schon geschrieben. Zur Zeit wird das Krankenhaus umgebaut, einige (winzige Verbesserungen) sind unübersehbar, aber das, was wir erleben, übersteigt, wie jedes Mal, die Vorstellungs- und Schilderungskraft. Es ist - im wahrsten Sinne des Wortes - unbeschreiblich. Grauenvolle hygienische Zustände, bejammernswerte Patienten auf den Fluren, in Betten ohne Bettwäsche, in Ambulanzen ohne Medikamente. Es fehlt an allem, wie uns der „Manager“ des Hospitals mitteilt, und, so erlebe ich es, es scheint sich kaum etwas zu ändern. Auch der Umbau dieses - gut 70 Jahre alten Gebäudes - bewirkt nur wenig. Das ist eine Diskussion, die wir abends noch sehr intensiv führen: was kann man überhaupt tun ??? Reicht es, wenn mal ein Ärzte-/Schwesternteam aus Deutschland kommt, um für 14 Tage „was wegzuoperieren“ ? Muss man öfter Äthiopier nach Deutschland einladen, damit sie sehen, wie´s auch gehen kann ? Wie sieht hier Hilfe zur Selbsthilfe aus ? Wecken wir mit unserem Geld falsche Hoffnungen ? Oder ist jede Hilfe eben auch eine unabdingbare und oft lebensrettende Hilfe ?
Die Augenklinik, die wir anschließend besuchen, sieht ganz anders aus! „Es geht doch“, sagen fast alle: sauber, logistisch gut aufgebaut. Hier ist - überwiegend durch Rotary-Clubs - etwas wirklich Zukunftsweisendes entstanden, und hier wird gute Arbeit geleistet, auch wenn, wie überall im Lande, Fachärzte und -schwestern fehlen. Christian Gehring, „gelernter Wasserbau-Ing.“ kümmert sich fachmännisch und rührend um die notwendige Wasserversorgung - im Übrigen: auch gesponsert von den Rotariern aus Schw. Hall.
Ein schöner Spaziergang durch die traumhafte Landschaft am Rande Nekemtes schließt sich an, dann geht´s zurück ins Hotel durch die lärmende und neugierige Stadt. Weiße, und dann noch in dieser Anzahl, sind nach wie vor eine große Attraktion!
Abends gibt´s einwirkliches „fürstliches Essen“ in einem schönen Gartenrestaurant etwas außerhalb von Nekemte. Ein Buffett mit allerlei schmackhaften äthiopischen Speisen und sehr schön aussehenden Salaten. Aber an die traut sich keiner mehr so recht ran...
Anschließend sitzen wir in „trauter Runde“ um ein großes offenes Feuer herum. Zu erzählen gibt es immer genug! Und dass die Gruppe sich so prima versteht, ist ja auch nicht selbstverständlich!


Mittwoch, den 25. November

Heute in 4 Wochen ist Weihnachten, aber hier ist gar nichts weihnachtlich: die Sonne scheint vom fast wolkenlosen Himmel, äthiopische Musik dröhnt mal wieder durch die Straßen und wir machen uns auf zum 3. Tag in Nekemte. Martin Nowak, „unser Augenarzt“ wird zusammen mit Ute Reiland, seiner ltd. Schwester direkt abgeholt zur Augenklinik. Am Abend erzählt er, dass er gut 100 Patienten untersucht habe; einige wird er morgen operieren.
Wir anderen machen uns auf zum OSSA-Zentrum und lassen uns noch einmal genau informieren: Fast 3.000 Aids-Waisen unterstützt OSSA-Nekemte, gut 5% mit direkten Patenschaften über unser Mutterhaus. Wichtig ist vor allem die Aufklärung über die Krankheit, die Vermittlung von Arbeitsplätzen für HIV-Positive, die Anleitung zum Umgang mit der Krankheit und, und, und... Es ist ein kleines Zentrum, was da in primitiven, aber bestens hergerichteten alten Containern aufgebaut ist, aber wir sind allesamt sehr beeindruckt.
Auf „Sister Annemarie´s Compound“ einen sehr schönes Gelände, das unsere Diakonisse, Sr. Annemarie Weseloh, vor vielen Jahren mal kaufen konnte, haben sich schon gut 30 Waisenkinder mit ihren Müttern oder Großmüttern eingefunden, um uns zu begrüßen. Alle (!) hätten ohne die Unterstützung aus Deutschland buchstäblich keine Überlebenschance. Zukünftig soll hier eine Gästezentrum entstehen (Gäste-/Hotelzimmer werden dringend benötig in Nekemte). Um hier einmal zukunftsorientiert planen zu können, haben wir „extra“ zwei Architekten aus Deutschland dabei, die sich vom Grundstück ein Bild machen und von den Möglichkeiten, die man damit hätte. Solides, zukunftsorientiertes Bauen ist in Äthiopien offensichtlich unbekannt. Unser Hotel ist gerade ein Jahr alt. Ich selbst bewohne z.B: ein Zimmer, in dem es keine einzige Steckdose gibt; die Duschen sind z.T. ohne jegliche Abluftmöglichkeit eingebaut, die Lichtschalter völlig willkürlich, die Türen schließen schlecht, das Material ist miserabel. Über kurz oder lang wird hier alles verwohnt sein. Gerade in Ländern wie Äthiopien müsste man aber besonders solide und zukunftsorientiert bauen. Ob es gelingt ? Vielleicht können wir ein bisschen dazu beitragen.
Ansonsten warten inzwischen viele auf dem Gelände, die auch auf unser Geld warten. Mitunter brauchen sie`s zum nackten Überleben, aber grundsätzlich kann das natürlich keine Lösung sein, dass wir einfach nur die reichen Deutschen sind, die ihre Reichtümer verteilen. Es kann und muss eine Einzelfallhilfe bleiben, wie bei der Frau, die allein verantwortlich für ihre 6 Kinder ist und 400 Birr (= ca. 20 Euro) monatlich zum Leben hat. Das reicht nicht. Da kann man sich wegdrehen, oder eben auch „zupacken“. Und in diesem Fall gibt dann jemand von uns auch „mal eben“ 500 Euro. Das reicht (mindestens für ein ganzes Jahr.
Nachmittags besuchen wir eine Schule, etwas außerhalb von Nekemte. 4.000 Euro hatten wir als Spende für diese Schule bekommen. Davon wurden Schulbänke angefertigt, die wir heute offiziell übergeben. Die meisten Schüler sitzen ansonsten in einem dunklen Raum auf einfachen Holzlatten - ohne Tische. Ruck-zuck sind die neuen Bänke eingeräumt, und stolz, unter großem Beifall, nehmen die Schüler Platz daran. So zur Schule gehen zu können, ist ein Privileg für sie. Die meisten übrigens haben 2 Stunden Fußmarsch hin und 2 Stunden Fußmarsch zurück. Mittagessen können sie sich nicht leisten, in eine Klasse sitzen 40- 60 Schüler. Aber Bildung ist wichtig, und Bildung ist ein Privileg!
Nach dem Schulbesuch gönnen wir uns noch einen kleinen Fußmarsch auf einen Hügel, von dem aus man einen wunderschönen Überblick über Nekemte hat. Über uns turnen Affen in den Bäumen, das Wetter ist herrlich und die Landschaft  traumhaft grün. Irgendwie sieht´s ein bisschen aus wie in der Schweiz - die Probleme allerdings sind komplett anders...


Donnerstag, den 26. November

An diesem Tage teilen wir uns: Martin Nowak und Ute Reiland begeben sich schon vor Tau und Tag in die Augenklinik. Heute ist operieren angesagt. Eine zweite Gruppe macht sich auf den Weg nach Aira, in unsere Partnerklinik. Eine dritte fährt in das Didessa-Tal, wo die Ureinwohner Äthiopiens, die Shankala, zuhause sind.
Die „Aira-Gruppe“ (wir sind zu sechst) genießt die Fahrt im Landrover über eine neue, geradezu traumhafte Straße; die allerdings hört nach 2 Stunden auf, und dann geht´s auf einer typisch-afrikanischen Schotterpiste weiter. Als Aira schließlich in Sicht kommt, sind wir über und über mit rotem Straßenstaub bedeckt, der durch alle Ritzen im Auto dringt. Dr. Erik, der leitende Chirurg in Aira, und seine äthiopische Frau begrüßen uns sehr sehr herzlich. Wie es in Äthiopien üblich ist, werden wir natürlich sofort zum Essen und zur obligatorischen Tasse Kaffee eingeladen. Dann besichtigen wir die Klinik - 80 Betten, das einzige Krankenhaus für mehr als 2 Mio. Menschen, eine riesige Ambulanz, ein gewaltiger Einsatz der wenigen Mitarbeiter (ca. 160, darunter 8 Ärzte). Es ist ein Krankenhaus „mitten im Busch“ - aber welch´ ein Unterschied zu Nekemte! Sauber ist es, für äthiopische Verhältnisse sogar blitzsauber (unser Rotenburger Hygieniker allerdings wäre auch hier  ohnmächtig geworden...). Bewundernswert, mit welchen einfachen Mitteln hier solide Medizin betrieben wird.
Abends sind wir von der Verwaltung des Krankenhauses zum Essen eingeladen; mit uns noch Washausens, die inzwischen hier gelandet sind, zwei Techniker aus Deutschland, die hier ehrenamtlich tätig sind und phantastische Arbeit leisten, sowie die leitenden Ärzte des Hauses. Nach dem Essen ist eine Diskussion angekündigt. Und sie findet tatsächlich statt (in Äthiopien nicht so einfach, weil man aus Höflichkeit nichts Kritisches sagt). Die Probleme sind nicht „ohne“: die medizinische Versorgung klappt im Großen und Ganzen, aber das „Drumherum“ ist weitgehend marode; die Wasserversorgung droht zusammen zu brechen, die Stromversorgung ist unzureichend, die lutherische Kirche Äthiopiens, die das Hospital offiziell betreibt, redet überall rein, gibt aber kein Geld mehr, das Geld reicht hinten und vorne nicht etc. etc.
Die Deutschen hinterfragen kritisch, wieso die Äthiopier die allgemeine Instandhaltung so schluren lassen, Dr. Erik fragt die Deutschen kritisch, wieso sie das in 80 Jahren Missionsarbeit nicht haben vermitteln können. Ich kann das nur von außen sehen, aber frage doch, wieso es keine Prioritätenliste gibt, keinen genauen Business-Plan, keine Jahresziele. Bei ganz konkret beschriebenen Projekten würden sich für diese Klinik garantiert Sponsoren finden. Wir sind eigentlich das beste Beispiel: aus dem Rotenburger Diakoniekrankenhaus sowie von den Rotary- und Lionsclubs unserer Region wurden alleine in den letzten Jahren gespendet: ein Ambulanzfahrzeug, eine Narkosegerät, ein Röntgengerät, ein Sauerstoffgerät, ein Ultraschallgerät, manch´ Bares... sowie (der wichtige und sehr willkommene) Expertenrat.
Darauf müsste sich doch eigentlich aufbauen lassen. Es ist vielleicht nicht von ungefähr, das im Wortschatz der Äthiopien ein Wort für „Planung“ nicht vorkommt...
Dr. Erik erzählt im Übrigen noch eine schöne Geschichte über die Europäer in Äthiopien:
„Wer neu in diesem Lande ist und eine Fliege im Essen entdeckt, schmeißt das ganze Essen schnell weg. Nach einiger Zeit im Lande, sucht man die Fliege heraus, legt sie an die Seite und isst den Rest auf. In der dritten Phase wird die Fliege einfach mitgegessen. Dann“, so Erik, „wird´s Zeit wieder nachhause zu fahren!“


Freitag, den 27. November

Es gibt ein wunderbares Frühstück im Hause von Dr. Erik, bevor es wieder auf die Reise nach Nekemte geht. Frühmorgens ist die Landschaft besonders schön, aber der Staub!!! Durch alle Ritzen unseres ohnehin schon recht betagten „Four-wheelers“ werden wir im Inneren des Autos eingestaubt. Dazu geht es recht schaukelig zu, bis wir nach 2 Stunden Fahrt endlich wieder die Asphaltstrasse erreichen und nach weiteren 3 Stunden Nekmente wieder erreichen. Der Rest der Gruppe hatte sich an diesem Morgen „frei genommen“, Nekemte erkundigt, die überall gegenwärtigen 3-rädrigen Motorradtaxis getestet und - unter dem Gejohle der Äthiopier - einen Eselskarren bestiegen. Dieser Teil der Gruppe war ja im Didessa-Tal gewesen und - ebenfalls über und über mit Staub bedeckt, am Abend vorher von diesem erlebnisreichen „Ausflug in die Steinzeit“ zurückgekommen.
Nachmittags ist „discussion“ angesagt. Die Äthiopier wollen von uns wissen, wie wir die Reise, besonders aber auch OSSA empfunden haben. Wir sind zwiegespalten: was OSSA tut, was in der Augenklinik passiert oder auch im Krankenhaus in Aira, ist bewundernswert - aber ist es mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein ? Unübersehbar geht die Entwicklung in Äthiopien voran: überall wird gebaut, der Verkehr hat drastisch zugenommen, aber es scheint so, als könnten lange nicht alle mit der Entwicklung Schritt halten. Hinter dem Internet-Café in Nekemte wird mit dem Holzhaken Land umgepflügt. Die Kinder an der Straße starren fassungslos auf ein Bonbon, das sie von uns geschenkt bekommen haben und wissen nicht, dass sie erst das Papier entfernen müssen und an ihnen vorbei rollen riesige chinesische Baumaschinen, die die Straße (endlich!!) instand setzen. Die Zahl der Armen nimmt ebenfalls unübersehbar zu, und die OSSA-Leute bestätigen uns das.  Die Organisation ist allenthalben chaotisch: an unserer Hotelrezeption sitzt ein Mann, der nicht in der Lage ist, vierstellige Zahlen zu addieren, geschweige denn zu multiplizieren; das Frühstück ist jedes Mal ein Abenteuer! Zwar betont der freundliche Kellner bei jeder Bestellung: „no problem“ (überhaupt ein beliebter Ausdruck bei Äthiopiern), aber eigentlich ist alles ein Problem: mal gibt´s keine Bestecke, dann gibt´s keinen Tee mehr, dann bekommen alle Rührei, auch wenn Spiegelei bestellt wurde oder umgekehrt, die Marmelade ist „aus“ oder das Toastbrot. Unser Hotel ist neu. Ein Jahr alt. In Deutschland würde man es sofort wieder schließen - wegen Sicherheitsmängeln, hygienisch unhaltbarer Zustände, baulicher Fehlplanung. Die Menschen in der Augenklinik wie auch in Aira kommen oft viel zu spät; es fehlt an Material, an notwendigen Fachkräften und - überall - an schlichter Sauberkeit. Die Äthiopier sehen diese Probleme genau so wie wir (jedenfalls berichten sie uns das in der Diskussion); aber was ändern sie ? Ändern wir was ? Immerhin: von den knapp 300 Waisenkindern, die aus Rotenburg bisher unterstützt wurden, besuchen inzwischen etliche (!) die Universität, andere haben Arbeit gefunden - und wieder andere können mit unserer Hilfe überhaupt überleben. Das ist natürlich was! Und dann bleibt das wunderschöne Land, das wir kennen lernen dürfen und die beeindruckende Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Äthiopier.
Dass damit auch - wieder einmal - ungeheure Erwartungen verbunden sind, wird am Abend deutlich. „Traditionell“ laden wir an diesem Abend die Mitarbeiter von OSSA zum Essen in ein äthiopisches Restaurant ein. Wir „mischen“ uns, und es gibt muntere Gespräche und die „üblichen“ Reden. In meiner Nähe sitzen - absolut nicht zufällig - zwei Mitarbeiter OSSAs, die mit ihren Forderungen, dass ich sie finanziell unterstützen möge, sehr, sehr massiv werden. Gewiß, hier leben Menschen am Existenzminimum (der eine bekommt 200 Birr Monatsgehalt = ca. 11 Euro und will eine Ausbildung machen für die man in Äthiopien bezahlen muss!). Gewiss, wir haben mehr als genug, aber wir sind auch nicht einfach nur Geldgeber! (Wie ich am nächsten Tag höre, als ich das Problem mit Paulos bespreche, ist das auch der Führung von OSSA aufgefallen; man hat bereits ein Sondermeeting einberufen, um das zu besprechen).
Anschließend sitzen wir trotzdem noch „wie immer“ gemütlich am Feuer zusammen. Es ist - ebenfalls wie immer - ein herrlicher Abend; unser letzter in Nekemte.


Samstag, den 29. November 

„No problem“ meinte der Hotelmanager, als wir am Tag vorher gefragt hatten, ob wir bereits um 6.00 h frühstücken könnten, da wir um 7.00 h mit dem Bus zurück nach Addis wollten. Um 6.30 h war natürlich noch gar nichts da, also haben wir die Tische selbst eingedeckt und unser Frühstück direkt aus der Küche abgeholt. D a s   hätten wir vielleicht nicht tun sollen! Der Anblick der Küche jedenfalls war für manchen eine einleuchtende Erklärung, warum der Magen- und Darmvirus einfach nicht von uns lassen wollte. Wenn ihm ein solcher Tummelplatz geboten wird! Nur die ganz Harten lassen sich auch an diesem Morgen das Rührei schmecken. Der Rest begnügt sich mit Toast und Marmelade. Dann ist der Bus beladen, alle haben ihr Trinkgeld bekommen und wieder einmal entschädigt für alles  die traumhafte Landschaft, durch die wir fahren. Hier und da versperren Rinderherden unseren Weg, Affen kreuzen die Straße, überall winkende Kinder, Menschen, die längst unterwegs sind, um rechtzeitig irgendwo auf dem Markt zu sein. Halt machen wir bei herrlichstem Wetter (das wir die ganze Zeit hatten) in einem traumhaft schönen Hotelgarten (es geht doch!) in Ambo, drei Stunden von Addis entfernt. Als wir dort dann endlich nach 10 Stunden Busfahrt ankommen, regnet es. Vielleicht schon eine Einstimmung auf zuhause...
In „unserem“ ehemaligen Hotel hatten wir bereits vorher einige Zimmer gebucht zum Duschen, Umziehen, Umpacken; ein letztes gemeinsames Essen ist geordert, Tadesse ist wieder da, auch Kes Alemu, der in Addis zu tun hatte, verabschiedet sich, und dann geht´s schon zum Flughafen. Es wird ein wenig hurtig, weil der Flieger plötzlich eine Stunde früher als geplant geht und die Pass- und Sicherheitskontrollen sehr ausführlich sind. Außerdem gibt`s, wie beim Einchecken in Frankfurt vor zwei Wochen, wieder die gleichen Probleme: zwei Namen unser Gruppe fehlen, obwohl wir das mittlerweile mehrfach bei Ethiopian Airlines moniert hatten. Dafür haben sie aber für Mitreisende gebucht, die im letzten Jahr mit mir unterwegs waren... Außerdem gibt´s dann auch solche wunderschönen äthiopischen Besonderheiten, dass man ein Formular zum „Exit“ aus dem Land auszufüllen hat. Die waren aber ausgegangen, und zur Verfügung standen ausschließlich Einreiseformulare („Welcome to Ethiopia!“). Egal. Irgendein Formular muss ausgefüllt werden, und so geben alle Ausreisenden brav den Zettel zur Einreise ab. Die Formular- und Stempelgläubigkeit der Äthiopier ist beeindruckend. Mit strengem Gesicht hatte vor einigen Tagen ein uniformierter Mensch in Lalibela unsere Pässe kontrolliert. Weil ich der festen Überzeugung war und bin, dass das eine reine Beschäftigungstherapie ist, habe ich meinen Pass ruck-zuck mit dem von Martin Nowak vertauscht. Natürlich hat´s keiner gemerkt. Ebenso wenig, dass ich später mein Einreisevisum von 2006 vorzeigte.
Der Flieger ist dieses Mal von erheblich besserer Qualität als auf dem Hinflug. Aber Nachtflüge werden trotzdem nicht zu meiner Leidenschaft...


Sonntag, den 29. November

Hillgriet Riese hat Geburtstag. Vermutlich ihr erster über den Wolken. Alle gratulieren und freuen sich, dass der Flieger dieses Mal etwas neuerer Bauart ist, ein wenig mehr Platz bietet und - nach einer Zwischenlandung in Rom - pünktlich morgens um 7.00 h in Frankfurt ankommt. Auch alles Gepäck hat den gewünschten Weg genommen und somit trennen sich nun wieder manche Wege: die Haller verabschieden sich, der Rest muss noch etwas warten auf den Zug Richtung Rotenburg und freut sich an den druckfrischen Zeitungen, dem leckeren Angebot an Speisen und Getränken und - den sauberen Toiletten. Ohne Frage: wir wohnen auf dem Kontinent, wo´s sich leichter leben lässt.
Umstieg in Köln, dann noch einmal in Bremen (etwas hektisch, weil der Zug Verspätung hat und noch weiter bis nach Stralsund muss), und dann ist fast alles geschafft. Gerade stehe ich in Bremen auf dem Bahnsteig, als ich merke, meine schwarze Umhängetasche ist weg, die ich bisher wie meinen Augapfel gehütet habe. Inhalt: mein Laptop, mein Pass, viele Briefe aus Äthiopien und  - einige tausend (!) Euro Bares: mein „Sicherheitsgeld“ falls jemand vorher zurück gemusst hätte. Verschwunden. Schneller Anruf im Zug, wahrscheinlich ist sie dort in der Hektik stehen geblieben. Fehlanzeige. Keine Tasche, wird uns von dort gemeldet. Claus Buhrfeind und ich bleiben in Bremen, gehen zur Polizei, den Bahnhof noch mal ab; der Rest fährt schon nach Rotenburg, leicht deprimiert. So einen Abschluss hatten wir uns wirklich nicht gewünscht.
Am nächsten Tag erlebe ich dann mein persönliches Weihnachtswunder: die Tasche habe ich dummerweise in aller Hektik tatsächlich im Zug stehen gelassen und ist bis nach Stralsund mitgefahren (durch Hamburg, Schwerin, Rostock...). An der Endstation hat sie dann ein Bahnbeamter an sich genommen und der Polizei übergeben. Und nichts, aber auch gar nichts fehlte. Der liebe Gott muss es doch besonders gut mit uns gemeint haben - und in diesem Fall vor allem mit mir...

Mein persönliches Fazit:
Es war eine anstrengende, aufregende, anregende, herrliche Reise mit einer wunderbaren Reisegruppe. Unser Miteinander war wirklich großartig! Für mich, aber wahrscheinlich für uns alle,  ein Geschenk.
Aber zu dieser Reise gehören auch die vielen deprimierenden und frustrierenden Erfahrungen: Wo soll man anfangen mit der Hilfe ? Wie kann man den Äthiopiern einen Anflug von Planung und Organisation nahe bringen ? Sauberkeit wäre eigentlich das einfachste - warum gelingt das in diesem Lande nicht ? Wie können wir dazu beitragen, dass es weiter gehen kann und wir das, was wir haben, besser teilen ?
Es bleiben viele Fragen. Trotzdem (oder gerade deswegen!) werden wir unsere Projekte weiter laufen lassen. Das Projekt mit den Aids-Waisen und die Augenklinik sind dabei für mich die richtigen. Hier geschieht sinnvolle Hilfe zur Selbsthilfe und sinnvolle Einzelfall-Hilfe.
Mit vielen Äthiopiern habe ich mich übrigens dieses Mal auch über das Thema der Beschneidung von jungen Mädchen unterhalten. Eindeutige Feststellung: die Zahl der Beschneidungen geht massiv zurück. Die Aufklärung - gerade auch der christlichen Kirchen -wirkt! Das ist für mich auch ein Zeichen, dass sich etwas bewegen lässt!
Ob die Klinik in Aira nach Dr. Erik, der in drei Jahren in den Ruhestand geht (und Ungeheures dort leistet!), noch lange bestehen wird, wage ich zu bezweifeln. Hier wäre m.E. die Hermannsburger Mission noch einmal sehr gefragt, oder es muss ein völlig anderes (Finanzierungs-)Konzept für dieses Krankenhaus her (was es sicher geben könnte!).

In jedem Falle werden wir alle sagen können: es war eine unvergessliche Reise für uns! Und dass wir schließlich alle (einigermaßen) gesund wieder zuhause gelandet sind, ist ja auch nicht selbstverständlich.
Die ersten fragten schon nach der nächsten Tour...


Michael Schwekendiek


PS: Wenn Sie uns bei unseren Projekten in Äthiopien helfen wollen,
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(BLZ 241 512 35), Stichwort: Äthiopien.
... in guten Händen

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