Ein neues Kniegelenk für Elzbieta Chylinska
„Ich habe schreckliche Angst gehabt nach Rotenburg zu kommen…Angst vor den Deutschen, Angst vor der deutschen Sprache…“
Frau Elzbieta Chylinska, geb. Wojnowska, Jahrgang 1935, ist eine Patientin, die im Rahmen der Aktion „Aktive Solidarität“ im Diakoniekrankenhaus in Rotenburg (Wümme) im September 2007 ein künstliches Kniegelenk erhalten hat.
Die Aktion „Aktive Solidarität“ wurde durch den Inhaber des Lehrstuhls für Orthopädie am Universitätsklinikum Magdeburg, Herrn Prof. Dr. Wolfram Neumann, in Verbindung mit der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ begründet und dient der unentgeltlichen Behandlung von ehemaligen Zwangsarbeitern sowie Überlebenden von Konzentrationslagern in 80 teilnehmenden deutschen Kliniken. Die Aktion wird politisch und logistisch von der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ unterstützt.
In Rotenburg wurden in den vergangenen Jahren schon mehrere Patienten aus Polen, davon zwei ehemalige Auschwitz-Häftlinge, behandelt.
Vor der Rückreise in ihre Heimat nach zweiwöchigem Aufenthalt im Diakoniekrankenhaus konnten wir Elzbieta Chylinska bewegen, uns Auskunft über Erlebnisse in ihrer Kindheit zu geben.
Die Familie Wojnowska lebte 1939 zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls auf Polen in Warschau, die Mutter war Krankenpflegerin. Beide Eltern wurden Mitglieder der polnischen Widerstandsbewegung.
1941 - Elzbieta war damals 6 Jahre alt - erfolgte die Verhaftung ihres Vaters, der als Funker bei dem „Verband für den bewaffneten Kampf“ (später „Heimatarmee“ - Armia Krajowa oder AK, die größte Widerstandsbewegung Europas im II. Weltkrieg) im Untergrund aktiv war. Er wurde am 17.7.1941 in Palmiry bei Warschau mit Tausenden anderer Gegner des Nazi-Regimes erschossen.
Noch vor der Exekution wurden Mutter und Tochter mehrfach von der Gestapo verhört; immer wieder wurde die Freilassung des Vaters für den Fall in Aussicht gestellt, dass die Namen von Kontaktpersonen aus der Widerstandsbewegung preisgegeben würden. Um den Druck auf die Familie zu erhöhen, wurde der kleine Bruder von Elzbieta, ein blonder, blauäugiger Junge im Alter von 3 Jahren, durch die Gestapo verschleppt; sie hat ihn Zeit ihres Lebens nie wieder gesehen. Die Mutter wurde von einem Deutschen in der Gestapo-Zentrale heimlich gewarnt, dass die Verhaftung und Deportation der Familie bevorstünde; dabei erfuhr sie auch von der Erschießung ihres Mannes. Mutter und Tochter kehrten daraufhin nicht mehr in ihre Wohnung zurück und versteckten sich von 1941 bis 1944 an verschiedenen Plätzen bei Bekannten und Verwandten im Warschauer Stadtbezirk Wola. Die Mutter setzte ihre konspirative Tätigkeit in der Widerstandsbewegung fort und Elzbieta unterstützte sie dabei. Nach Beginn des Warschauer Aufstandes am 1. August 1944 flohen beide in das Warschauer Stadtzentrum und wurden Zeugen von unvorstellbaren Grausamkeiten des 63 Tage andauernden Kampfes um jedes einzelne Haus und jeden Straßenzug. Die deutschen Besatzungstruppen begangen Massenmorde an der Zivilbevölkerung, es wird heute von 150.000 - 225.000 Opfern ausgegangen. Nach Umstellung ihres Hauses durch SS-Einheiten wurde Elzbieta zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter sowie anderen Familien auf einen Platz geführt, wo Kranke, Schwache und Juden sofort erschossen wurden. Die restlichen Personen wurden zu einer Bahnstation geführt, wo man ihnen einen Transport nach Krakau und die dortige Freilassung versprach. Elzbieta wurde dann zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter in Viehwagons mit vielen Anderen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Andere Zivilisten sowie Angehörige der Armia Krajowa wurden u.a. nach Mauthausen-Gusen, nach Ravensbrück oder in das Strafgefangenenlager XIB in Fallingbostel gebracht. Elzbieta erlebte den Tod ihrer Großmutter, die sich aus Verzweiflung unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau gegen einen Hochspannungselektrozaun warf.
Nach der „Selektion“ durch die SS an der Rampe wurde die 9-jährige von der Mutter getrennt. Säuglinge und Kleinkinder unter 3 Jahren wurden sofort nach der Ankunft ermordet. Da auch ältere Kinder keine Zwangsarbeit leisten konnten, war ihre rasche Vernichtung geplant, und die neu Eingetroffenen mussten zunächst mehrere Stunden warten. Elzbieta entging der Ermordung zunächst durch den Umstand, dass die Tötungsmaschinerie durch die täglich eintreffenden Transporte mit Juden aus ganz Europa völlig überlastet war. Sie wurde daher nach einer 2-wöchigen Quarantäne mit Hunderten anderer Kinder aus mehreren Ländern im Alter von 3 - 14 Jahren in einen Block gesperrt. Im Lager herrschte in extremer Weise Hunger und Kälte. Täglich um 6 Uhr früh war der Morgenappell, bei dem jedes Kind in deutscher Sprache seine Lagernummer nennen musste. Wenn ein Kind während des Appells schwächelte oder in Ohnmacht fiel, wurde es aus der Reihe herausgezogen und verprügelt. Wenn es danach nicht mehr in der Lage war, aufzustehen, wurde es zu Tode geprügelt und im Krematorium verbrannt. Nach jedem Appell lagen viele Leichen auf dem Platz, Ohnmachtsanfälle waren häufig infolge von Unterernährung und völlig mangelhafter Kleidung. Die Nahrung bestand ausschließlich aus schwarzem Kaffee, trockenem Brot, Kohlrübensuppe oder Suppe aus Kartoffelschalen. Im Block war es den Kindern verboten zu sprechen, außerhalb der Baracke, die mit Stacheldraht umgeben war, war es verhängnisvoll, die Aufmerksamkeit der Bewacher, die mit Hunden patrouillierten, auf sich zu ziehen. Auch in der Baracke starben täglich Kinder an den Folgen von Nahrungsentzug und Infektionserkrankungen; deren Leichname mussten morgens vor die Tür gelegt werden.
Den Kindern war schon sehr bald bekannt, dass sie vergast und anschließend im Krematorium verbrannt werden sollten.
Elzbieta wurde einmal mit einer Gruppe von Kindern in die Gaskammer geführt und verdankt ihr Überleben nur einer technischen Störung bei der Freisetzung von Zyklon B.
Der Kinderblock erhielt mehrfach „Besuch“ von dem SS-Arzt Josef Mengele, der auch in ihrer Baracke nach Probanden für seine berüchtigten Experimente suchte. Nach Entkleidung der Kinder traf Mengele eine „Auslese“, wobei kranke und schwache Kinder und solche, die das Aussehen eines „Muselmanns“ zugesprochen bekamen, unverzüglich den Weg in die Gaskammer antreten mussten. Zusammen mit 20 anderen Kindern wurde Elzbieta dann in den „Experimentalblock“ verlegt; alle erhielten von Mengele an drei Tagen Injektionen in den Rücken, woraufhin die Hälfte dieser Gruppe starb. Zuletzt war Elzbieta eines von nur 3 Kindern, die die sonst tödlich verlaufenden Menschenversuche überlebte.
Am Weihnachtsabend 1944 gelang es Elzbieta durch die Hilfe anderer Personen, im Lager heimlich ihre Mutter zu treffen, von der sie Brot und Hering erhielt. Informationen über die Offensive der Roten Armee begründeten an diesem Tag erstmals bei ihr die Hoffnung auf ein Überleben.
Im Januar 1945 wurde Elzbieta mit wenigen anderen im Lager zurückgelassenen Kindern von der Roten Armee befreit und zunächst medizinisch betreut - sie litt an Geschwürbildungen infolge von Hundebissen, beidseitiger Taubheit und an einem Verlust der Sprache. Zwischen Januar und Oktober 1945 ist sie durch das ganze Land geirrt. Im Dezember 1945 wurde sie von ihrer Mutter, die das Vernichtungslager und den anschließenden „Todesmarsch“ der Häftlinge - eine Lagerevakuierung angesichts der anrückenden Roten Armee - ebenfalls überlebt hatte, in einem Kinderheim in Gorzów Wielkopolski gefunden. In diesem Ort lebt sie seit dieser Zeit. 1950, im Alter von 15 Jahren, besuchte Elzbieta erstmals die Grundschule. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Seit 1970 ist Elzbieta Chylinska bedingt durch die erlittenen schweren gesundheitlichen Schädigungen vollständig invalidisiert. Von den über 40 „Auschwitz-Kindern“, die in Gorzów ihr Zuhause gefunden haben, ist sie allein übrig geblieben.
Über die Erlebnisse ihrer Kindheit hat Elzbieta Chylinska viele Jahre lang nicht sprechen können, auch nicht mit ihren eigenen beiden Kindern. Ihre Tochter wurde erstmals bei einer Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Schulklasse von einer Lehrerin über das Schicksal der Mutter aufgeklärt.
Michael Schulte



