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Äthiopienreise 2011

In der zweiten Novemberhälfte (vom 09./10. - 22. November 2011) wird unter der erfahrenen Leitung von Frau Annette Hauptmann eine wunderschöne, erlebnisreiche und unvergleichliche Reise in einer kleinen Gruppe nach Äthiopien angeboten!

Tagebuch einer Reise nach Äthiopien vom 12. bis 25. November 2010

Vorbemerkung
Seit mehr als 40 Jahren hat das Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg Kontakte nach Äthiopien. Etliche Diakonissen haben dort Dienst getan. Ausgehend von ihren Aktivitäten, vor allem aber auch durch den Dienst von Schwester Annemarie Weseloh, die, mit über 80 Jahren, noch immer regelmäßig nach Äthiopien fährt, gibt es inzwischen einige Projekte, in die wir involviert sind:
1.    Zusammen mit der äth. Organisation OSSA (s.u.) unterstützen wir inzwischen fast 200 Waisenkinder, deren Eltern an Aids verstorben sind oder schwer erkrankt. Die meisten in Nekemte, in West-Äthiopien (ca. 300 km von Addis entfernt), aber auch einige in Addis Abeba, der Hauptstadt.
2.    Das Missionshospital in Aira, noch einmal 160 km westlich von Nekemte, „mitten im Busch“, hat seit einigen Jahren eine Partnerschaft mit unserem Diakoniekrankenhaus in Rotenburg. Mehrfach sind Ärzte und Schwestern aus Rotenburg in Aira gewesen, Ärzte aus Aira in Rotenburg. Durch großzügige Spenden von Privatpersonen, aber auch durch div. Lions- und Rotary-Clubs aus Deutschland haben wir vielfältige Hilfe leisten können: ein „Ambulanz-Fahrzeug“ wurde angeschafft, eine gebrauchtes Röntgengerät konnte dort wieder aufgebaut und in Betrieb genommen werden, ein neues Narkosegerät tut seinen Dienst dort, ebenso ein Ultraschallgerät etc. etc. Insbesondere Dr. Horst Andresen, Ltd. Oberarzt aus Rotenburg, ist mehrere Male dort gewesen, um die äth. Kollegen zu schulen.
3.    Mit Hilfe vor allem vieler Rotary-Clubs ist es gelungen, in Nekemte eine Augenklinik aufzubauen. Die einzige für zig-Millionen. „Mensch und Material“ kommen seitdem vornehmlich aus Deutschland. In Kes Alemu Nega, einem äth. Pastor, haben wir einen guten Partner vor Ort gefunden, der das Management der Augenklinik übernommen hat.
4.    Darüber hinaus haben z.B. die Lions-Clubs der „North-Sea-Lions“ eine Autowerkstatt gefördert, in der AIDS-Waisen Grundbegriffe der Autoschlosserei lernen; in Verbindung damit ist ein Mehrzweckgebäude entstanden, das von OSSA vermietet wird. Die Einnahmen wiederum finanzieren die Arbeit mit den AIDS-Waisen.
5.    Schließlich sind durch Spenden aus Deutschland viele Einzelaktivitäten möglich, die vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen sollen: wir unterstützen einige hochbegabte Waisenkinder bei einem Studium, wir investieren in Bildung (Unterstützung von Schulen), aber helfen auch beim Hausbau oder bei Anschaffung überlebensnotwendiger Dinge.



Die etwas andere Äthiopienreise


Reisetagebuch von Annette Hauptmann
12. bis 25. November 2010


Freitag - 12. November
Endlich ist es soweit - auch in diesem Jahr reist wieder eine Gruppe interessierter, gespannter Menschen nach Äthiopien.
Auf dem Programm steht, neben dem Kennen lernen von Land und Leuten, hauptsächlich der Besuch von Aids-Waisen, die Übernahme neuer Patenschaften und Informationen über bereits bestehende Hilfsprojekte.
Am Frankfurter Flughafen trifft sich die Reisegruppe für den Flug LH 927 nach Addis Abeba.
Wir reisen  diesmal in kleiner Runde:

    Friederike und Eckard Fiolka aus Hamburg
    Kathrin Brandhorst aus London
    Ute Brandhorst aus Amsterdam
    Christian Gehring aus Schwäbisch Hall
    Ilka Rath aus Rotenburg/Wümme
    Annette Hauptmann aus Rotenburg/Wümme.

Der Flug verläuft ruhig und die ersten Kontakte werden geknüpft, denn der große Teil der Gruppe kennt sich noch nicht. Wir landen ganz entspannt auf dem Bole International Airport in Addis.
Dort erwartet uns die erste „äthiopische“ Hürde - das Gepäck von Ute ist nicht angekommen! Ein sehr bemühter Flughafen-Mitarbeiter nimmt die Personalien auf - unsere erste „englischsprachige“ Herausforderung. Wir gehen mit dem Versprechen, dass das Gepäck mit der nächsten Maschine aus Frankfurt kommt... So braucht Ute, im Gegensatz zu uns anderen, wenigstens kein Gepäck zu schleppen.
In der Ankunftshalle werden wir von Paulos Kenae und seiner Frau Rachel erwartet und sehr herzlich begrüßt. Paulos ist OSSA- Mitarbeiter in Addis und hat schon in den letzten Jahren die Reisegruppen begleitet und tatkräftig unterstützt.
OSSA - Organization for Social Services for AIDS - ist eine äthiopische Organisation, die sich zusammen mit verschiedenen kirchlichen Einrichtungen um Aids-Waisen kümmert.
Wir verstauen unsere Unmengen von Gepäck und fahren mit dem Minibus zur „GHM - German Hermannsburg Mission“. Diese evangelisch-lutherische Mission wurde 1849 als „Missionsanstalt Hermannsburg“, eine „Stiftung privaten Rechts“ in Hermannsburg bei Celle gegründet. Die Mission in Addis gibt es seit Dezember 1927.
Dieser Compound ist eine kleine Oase im Westen von Addis und wird von einer deutschen Krankenschwester und ihrem Mann geleitet. Hier werden wir unsere erste Nacht in den Gästehäusern verbringen. Ein kurzes Zusammentreffen der Gruppe, es gibt Informationen über das Programm der nächsten Tage und dann fallen alle todmüde in Bett. Ich verbringe die erste Nacht in Begleitung von diversen Spinnen - immer wenn ich eine „entferne“, kommt eine größere aus der Ecke. Irgendwann gebe ich es auf.....


Samstag -13. November
Nach einem köstlichen Frühstück in der Mission tauschen wir erst einmal unsere Euro in die äthiopische Währung Birr. Ein abenteuerliches Unterfangen, denn der größte Schein ist ein 100 Birr Schein, der etwa 4,30 Euro entspricht... Dann gibt es noch 50, 10, 5 und 1 Birr Scheine, die so dreckig, feucht und schmierig sind, dass man die Währung kaum noch erkennt. Niemand mag das Geld so richtig anfassen und der Verbrauch an feuchten Tüchern steigt rapide...
Paulos bringt Zenabua mit, sie ist das äthiopische Waisen- und Patenkind von Friederike und Eckard. Das Mädchen ist 20 Jahre alt, wird seit 12 Jahren von den beiden unterstützt und sie begegnen sich nun zum ersten Mal. Zenabua bedeutet „Regen“, was in Äthiopien eine äußerst positive Bedeutung hat und sie wird uns die nächsten beiden Tage begleiten.
Wir brechen zu einer Stadtrundfahrt durch Addis auf, bei der natürlich ein Besuch in der „National Galery of Ethiopia“ nicht fehlen darf. Hier ist LUCY die Hauptattraktion! Das Skelett wurde 1974 bei Ausgrabungen gefunden und wird auf ca. 3,2 Millionen Jahre geschätzt. Wir erfahren, wie Lucy zu ihrem Namen gekommen ist: Bei ihrer Entdeckung lief im archäologischen Lager der Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“. So gibt es auch in Äthiopien für alles eine Erklärung... Aber natürlich gibt es auch eine wunderschöne amharische Übersetzung für LUCY - „Du Wunderbare“ - um das zu erkennen braucht man aber dann doch etwas Fantasie...
Wir besuchen noch kurz die Waisenfamilie - ein 16-jähriges Mädchen, das alleine die 4 jüngeren Geschwister versorgt -  die seit einem Jahr von einem Mitglied der letzten Reisegruppe finanziell unterstützt wird. Es ist schön zu sehen, wie viel sich für die Kinder innerhalb eines Jahres verändert hat. Sie sehen deutlich gesünder aus, sind besser gekleidet und sind aus ihrer Wellblechhütte in ein „Haus“ gezogen. Und die jüngste Errungenschaft ist ein Fernseher - eine Sensation und natürlich der Treffpunkt für die ganze Nachbarschaft...
Mittags gibt es die erste Wot mit Injera, das typische äthiopische Essen. Injera ist ein gesäuertes, dünnes Fladenbrot, hergestellt aus Teffmehl, einer Hirseart. Auf diesen Teigfladen kommt dann die Wot - Linsenbrei (köstlich!!!), gekochter Weißkohl, Eier, Kartoffeln, Hühnerfleisch, Lamm oder Rind... Natürlich nicht alles auf einmal! Man nimmt, was gerade da ist, denn Fleisch z.B. ist sehr teuer! Die Augen von Ute, die als Kind ein paar Jahre in Äthiopien gelebt hat, leuchten. Es macht Spaß, ihr beim Essen zuzuschauen.
Am Nachmittag geht es mit kleinem Gepäck zum Flughafen und wir starten, gemeinsam mit Zenabua, nach Bahir Dar.
Christian müssen wir leider in Addis zurücklassen, da er diese Reise hauptsächlich dazu nutzt, die Projekte seiner Wasserstiftung voranzutreiben.
Wir überfliegen bei strahlendem Sonnenschein eine wunderschöne Landschaft mit Bergen und tiefen Kratern und auch einen Teil des Lake Tana, an dessen Ufer Bahir Dar liegt. Für 2 Nächte ist das „Summerland-Hotel“ unser zuhause. Es wirkt sehr edel für äthiopische Verhältnisse und die warme Dusche ist ein Genuss! Zenabua trifft hier eine Freundin, die wir spontan für die zwei Tage in unsere Gruppe aufnehmen. Das Abendessen wird im Nachbarhotel auf der Terrasse serviert - ein warmer Sommerabend im November - traumhaft!!!


Sonntag -14. November
Heute morgen steht eine Bootsfahrt auf dem Lake Tana mit Besuch eines Klosters auf einer der vielen Inseln an. Auf uns wartet ein recht abenteuerlich aussehendes, kleines Boot - aber mit Sonnensegel - denn die Sonne meint es schon am Morgen recht gut mit uns. Unser äthiopischer Guide fordert uns auf, die Schwimmwesten anzuziehen, wobei zu erwähnen ist, dass es nicht genug für alle gibt... Es ist spannend, denn wir haben, falls das Boot kentert, die Alternative, zu ertrinken, oder an Bilharziose zu erkranken. Dies ist eine tropische Infektionskrankheit, die durch kleine Saugwürmer ausgelöst wird. Sie dringen bei Kontakt mit kontaminiertem Wasser über die Haut ein und wandern über Blut- und Lymphgefäße in verschiedene Organe... Sehr unangenehm!
Trotzdem ist es ein tolles Erlebnis mit dem kleinen Boot über den See zu fahren. Pelikane begleiten uns und wir halten angestrengt Ausschau nach Hippos. Wir kentern natürlich nicht, doch schon wartet die nächste Herausforderung. Zur Besichtigung des Klosters heißt es: „Schuhe aus“ und unsere Füße gehen über Teppiche und Bastmatten, die schon ein Eigenleben haben. Aber die Flöhe scheinen uns wohlgesonnen... Das Kloster ist ein Rundbau und nur der äußere Kreis ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Guide führt uns und erläutert die sehr schönen Bilder und Wandmalereien. Es ist auffallend, wie viel hier für die Restauration und den Erhalt getan wird - im Gegensatz zum restlichen Äthiopien...
Wie schon der Hinweg führt uns auch der Rückweg zum Boot durch einen wunderschönen Urwald. Allerdings ist der Weg gesäumt von kleinen Verkaufsständen, wo alle Souvenirs angeboten werden, die das touristische Herz begehrt: Papyrus-Boote, Kaffee, äthiopische Kreuze als Halsketten, Heiligenbilder und natürlich die typischen gewebten Tücher. Hier startet die erste Shopping Runde, die mit einem Kaffee am Weg - das Wasser dazu kommt natürlich nicht aus dem Lake Tana... - ausklingt.
Die Rückfahrt in unserer „Nussschale“ geht an der Blue-Nile-Mündung vorbei. Angeblich gibt es hier Hippos  - was wir zu sehen bekommen sind aber „nur“ Vögel, die von unserer Vogelexpertin Ilka ausführlich und enthusiastisch erläutert werden.
Beim Mittagessen auf einer Terrasse am Seeufer zahlen wir „Seeblick-Preise“ für das Buffet -1200 Birr, ca. 50 Euro für 9 Personen - so „teuer“ haben wir noch nie gesessen.
Nachmittags fahren wir durch das quirlige Addis, am bunten Treiben vorbei, zu einem Aussichtspunkt über der Stadt am ehemaligen Palast von Haile Selassi. Er war äthiopischer „Regent“ von 1916-1930 und „Kaiser von Äthiopien“ von 1930-1974. Man beachte den Unterschied... Von dieser Anhöhe haben wir einen schönen Blick über den Lake Tana mit der Nilmündung. Wie auch schon im letzten Jahr sprechen uns hier ein paar Jungen an, die Geld für ihren Fußballverein sammeln möchten. Und St. Pauli Fan Eckard hat natürlich ein großes Herz...
Auf dem Rückweg zum Hotel halten wir noch an einem „Market“, auf dem hauptsächlich Sachen aus Ziegenfell - Hocker, Taschen, Flip-Flops - verkauft werden. Von dort ist es nicht mehr weit zum Hotel und wir beschließen, endlich mal ein Stück zu Fuß zu gehen. Wir möchten uns gerne die orthodoxe Kirche ansehen, die am Weg liegt, werden aber von einem Guide, der am Außentor sitzt, ziemlich böse zurück gepfiffen. Zenabua übersetzt für uns, dass wir bitte eine kleine „Spende“ in die Donation-Box tätigen mögen, was wir dann auch tun. Mit dem Erfolg, dass wir doch nicht in die Kirche dürfen, weil gerade die Prayer-Time beginnt. Wieder mal eine Erfahrung gemacht...
Eine kurzer Abstecher an das Seeufer beschert uns wenigstens einen Blick auf eine Gruppe Pelikane, die ruhig auf dem Wasser schaukeln, denn Hippos sind schon wieder nicht zu sehen!
Ein Mann sitzt seelenruhig im seichten Wasser und bewässert mit einer kleinen Plastikflasche Grünpflanzen am Ufer, die etwas an Salat erinnern. Ilka erzählt uns, dass dieser Mann am Morgen die Pflanzen mit dem Fahrrad hertransportiert und gepflanzt hat. Seitdem sitzt er wohl da - die Menschen hier hetzt niemand...
Nach dem Abendessen passiert das, was alle insgeheim befürchtet haben. Der Abschied von Zenabua am nächsten Tag rückt näher und die Diskussion über die Zukunft des Mädchens führt bei ihr und auch Friederike zu Tränen. Zenabua muss Ende Dezember 2010 das Waisenhaus verlassen und hatte die Hoffnung, mit Friederike und Eckard nach Deutschland reisen zu dürfen. Diese Hoffnung zerschlägt sich nun, aber Paulos geht sehr gut mit dieser Situation um. Er redet ihr sehr eindringlich ins Gewissen, sich um ihre Zukunft zu kümmern und zu lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Es wird ein weiteres Treffen in ihrem Waisenhaus in Addis am Ende unserer Reise vereinbart, um dort mit der Leitung zu diskutieren, wie das Mädchen am besten unterstützt werden kann.


Montag -15. November
Beim Frühstück der erste Schreck - Eckard ist krank! Übelkeit und Erbrechen, er ist bleich wie die Wand. Und Morgen ist die lange Fahrt nach Nekemte - da kommen doch gleich Erinnerungen an das letzte Jahr und an Rainer hoch... Doch heute gilt es erst einmal, die „Blue Nile Falls“ zu überstehen. Aber Ilka hat natürlich ihre Zaubertropfen  (MCP) dabei, doch die haben bei Eckard eine paradoxe Wirkung - statt zu sedieren dreht er total auf, aber es geht ihm besser!
Mit dem Kleinbus geht es eine Stunde durch die wunderschöne äthiopische Landschaft und mit jedem Kilometer, den wir uns von Bahir Dar entfernen sehen wir, dass mit der ländlicheren Bevölkerung auch die Armut zunimmt. Trotzdem steht mitten „Nichts“ ein Ziegenhirte mit einem Handy am Ohr...
Bei den „Falls“ nehmen wir noch einen zusätzlichen Guide mit, der uns vor den vielen Kindern „bewahren“ soll. Diese warten schon, um ihre Waren zu verkaufen und sind auch recht hartnäckig. Und natürlich haben fast alle Frauen eins oder mehrere der gewebten Tücher gekauft. Ist ja bald Weihnachten...
Wir überqueren den Nil auf der angeblich ersten Steinbrücke, die über den Fluss gebaut wurde und wandern einen wunderschönen Weg am Nil entlang zu den Wasserfällen. Es gibt in diesem Jahr sehr viel Wasser und das Ufer, das wir im letzten Jahr noch betreten konnten, ist überschwemmt. Eckard schlägt sich tapfer, aber trotzdem nehmen wir heute nur die  kurze Wanderstrecke.
Am Nachmittag fliegen wir über die faszinierende Landschaft zurück und in Addis am Flughafen geschieht dann das Wunder: Utes Gepäck ist tatsächlich angekommen!!!
Wir fahren durch die nächtliche Stadt über die Prachtstrasse vom Flughafen weg zum Abendessen in „Lucys- Restaurant“. Das Angebot von Paulos, noch einen Nightclub zu besuchen lehnen wir dankend ab. Alle wollen nur noch ins Bett - morgen steht die lange Fahrt nach Nekemte an.


Dienstag -16. November
Am Morgen gibt es in der GHM wieder ein tolles Frühstück - es soll für lange Zeit das Letzte sein... Währenddessen wird unser Gepäck auf dem Dach des Kleinbusses verstaut und gegen Herabfallen und Staub mit Planen bedeckt. Aber der rote äthiopische Staub bahnt sich überall seinen Weg.
Der Abschied von Zenabua ist sehr emotional und tränenreich, aber wir treffen sie ja noch einmal am Ende der Reise.
Wir fahren durch eine eindrucksvolle Landschaft, durch buntes Treiben in den Dörfern entlang der Straße - und staunen über die endlose Weite, Schirmakazien, Teff-Felder, sehr trockene Maisfelder und natürlich Menschen, Ziegen, Esel, Kühe. Und wie schon im letzten Jahr, was kein Kunststück ist, denn es gibt nur diese eine Strasse, kommen wir an der wunderschönen Basalt-Stein-Formation vorbei. Felsen, die aussehen, wie riesige Orgelpfeifen.
Die Stimmung ist toll, Ilka unterhält den ganzen Bus. Spruch des Tages: „Wenn man ein Auto ohne Radio hat, setzt man einfach Ilka nach vorne.“
Bei den „Bush-toilets“ sind sofort  aus dem Nichts die Kinder da, denen wir mit Bananen und Sweets eine große Freude machen. Sie strahlen uns an und laufen winkend und schreiend dem Bus hinterher. Leider verstehen wir die Sprache nicht - oder vielleicht zum Glück nicht...
Die Fahrt im Dunklen ist ein Abenteuer - man sieht die riesigen Schlaglöcher noch weniger - aber Paulos managt das sehr souverän. Es ist auch so nicht ganz ungefährlich, weil es in der Nacht schon zu Überfällen kommt. Und so ist der Wunsch unserer Herren - Christian begleitet uns wieder - nach einer Bush-toilet nicht wirklich willkommen. Aber da merkwürdigerweise die Brücken nachts bewacht werden (sagt Paulos das, um uns zu beruhigen???) halten wir in völliger Dunkelheit. Paulos scheint sichtlich beunruhigt, aber die Herren sind ganz schön schnell...
Die OSSA -Leute rufen schon bei Paulos an und machen sich Sorgen, wo wir bleiben, aber nach 11 Stunden auf  äthiopischer Strasse sind wir endlich am Ziel.
Das DESALEGN -Hotel, erst vor zwei Jahren eröffnet, wurde nie so richtig fertig gestellt und geht schon wieder dem Verfall entgegen. Es ist schade zu sehen, dass in diesem Land nur sehr wenig für den Erhalt von Gebäuden, Einrichtungen, Gegenständen... getan wird. Von Dr. Eriksen, dem Chefarzt in Aira werden wir später erfahren, dass es in diesem Land, das ca. 80 Sprachen, bzw. Dialekte hat, kein Wort für „maintenance“ gibt.
Als ich nach dem Abendessen in mein Zimmer komme, begrüßen mich die Kakerlaken - ich rette mein Gepäck vom Fußboden, denn die Tierchen kriechen in die Koffer und legen ihre Eier, die dann mit in die Heimat reisen. Darum sollte man auch keine Kakerlaken zertreten, denn die Eier überleben an den Schuhsohlen... Ich   rede mir ein, dass Kakerlaken nicht klettern können und ergebe mich meinem Schicksal.


Mittwoch -17. November
Das erste Frühstück im Hotel erinnert stark an das letzte Jahr. Ich hatte die Hoffnung, dass es einfacher ist, eine Gruppe von 7, anstelle von 22 Leuten zu bedienen. Aber auch bei 7 Bestellungen kann man ALLES durcheinander bringen - oder einfach vergessen. Und das soll sich auch in den nächsten Tagen nicht ändern...
Am Morgen steht der Besuch von OSSA an. Auf dem Compound treffen wir das erste Mal Ato Temesgen und Obo Gelalcha. Die beiden Herren leiten OSSA in Nekemte und berichten uns von ihrer Arbeit, bei der sie von vielen Sozialarbeitern unterstützt werden. In Äthiopien gibt es ca. 5 Millionen Waisen, davon sind ca. 2 Millionen Aids-Waisen. Etwa 3000 Kinder werden von OSSA unterstützt, die Anzahl der Patenschaften, die über das Mutterhaus des Rotenburger Diakoniekrankenhauses verwaltet werden, beträgt zur Zeit 168.
Wir bekommen Einblick in die Fotoalben und die Listen der unterstützten Kinder und verabreden für den Nachmittag einen Besuch bei Martha, dem Patenkind von Ute und bei Abdi, meinem Patenkind, welches ich schon im letzten Jahr kennen gelernt habe.
Vorher geht es aber noch zum „neuen“ Bürogebäude von OSSA, das mit kräftiger Unterstützung aus Deutschland gebaut wurde. Es sieht aber nicht wirklich so aus, als wäre es fertig oder würde gar, wie geplant zum Teil vermietet. Auf dem Grundstück befindet sich auch eine Autowerkstatt, in der junge Männer von OSSA ausgebildet werden. Hier wird das erste Mal der linke Vorderreifen unseres Minibusses begutachtet und mit neuer Luft versorgt...
Auch der Compound von Schwester Annemarie macht einen traurigen Eindruck. Die Gebäude auf dem paradiesischen Grundstück sehen aus, als würden sie beim nächsten Sturm umfallen. Im letzten Jahr hatten die beiden mitreisenden Architekten den Auftrag, einen Vorschlag für ein neues Gästehaus auszuarbeiten. Meine Frage an Obo Gelalcha, was aus dieser Idee geworden ist, wird sehr ausweichend mit „zu teuer“ beantwortet... Es scheint, als würde man sich erst gar nicht die Mühe machen, über Lösungen nachzudenken. Und so geht dieses kleine Paradies, in dem es wunderschöne Blumen, Mangobäume, Kaffeepflanzen, Bienenkörbe und sogar Affen gibt, seinem Ende entgegen!
Am Nachmittag ist es endlich soweit - wir fahren gemeinsam mit zwei Sozialarbeiterinnen von OSSA zu meinem Patenkind.
Es ist bedrückend, durch die Slums zu laufen und sich vorzustellen, dass hier Menschen leben und überleben können. Es gibt kein Abwassersystem und die „Kloake“ läuft neben dem Weg her.
Abdi kommt zögernd aus dem, doch recht gut aussehenden „Haus“, allerdings ohne ein einziges Fenster, und guckt ganz gespannt. Seine Pflegemutter umarmt und küsst mich und auch die restliche Gruppe wird herzlich begrüßt. Abdi bedeutet übersetzt „Hope“ und dieser Name beschreibt sehr schön seine Geschichte. Er ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und wurde als Säugling im Wald ausgesetzt. Seine Pflegemutter hat ihn beim Holzsammeln gefunden und mit nach Hause genommen und kümmert ich seitdem um ihn.
Er ist das erste Kind, das wir treffen, das keine Gummibärchen mag - er steckt sie in den Mund, verzieht das Gesicht und spuckt sie wieder aus. Auch der Stoffteddy, den ich ihm mitgebracht habe, erschreckt ihn erst einmal. Es dauert lange Zeit, bis er sich mit ihm angefreundet hat und ihn auch in die Hand nimmt. Er bedankt sich mit ganz vielen Küssen- für mich eine sehr rührende Szene. Doch der emotionale Tiefpunkt folgt, als Paulos für die Mutter übersetzt: Sie möchte, dass, wenn sie stirbt (sie ist HIV-positiv), Abdi zu mir nach Deutschland kommt. Mir fehlen die Worte, und als Paulos ihr erklärt, dass das nicht so einfach ist, fängt sie bitterlich an zu weinen. In dem Moment kommt eine alte Frau in die Hütte, die mich auch ganz fest in den Arm nimmt und küsst - es ist die Oma von Abdi. Der Abschied ist herzzerreißend, mir kommen die Tränen, weil mich die Mutter gar nicht gehen lassen will.
So zeigt sich, wie wir auch schon bei  Zenabua gesehen haben, dass jede Unterstützung zwei Seiten hat.
Der Besuch bei Utes Patenkind Martha hebt die Stimmung wieder. Uns erwartet ein strahlendes Mädchen von fast 9 Jahren. Die Mutter hat für uns Kaffee vorbereitet und Ute überreicht dem Kind eine „Schatztruhe“, die ihre Tochter zusammen gestellt hat. In ihr befinden sich Stifte, Blöcke, kleine Stofftiere, Waschlappen, Radiergummis, kleine Spiele...
Dass nicht alles für hier passt, merken wir, als die kleine Schwester Rahel in das Radiergummi beisst, weil sie denkt, es sei ein Candy.
Das war ein sehr nettes Beieinander und wir haben auch alle ohne Bedenken den Kaffee getrunken... Der Abschied ist ganz fröhlich mit gaaaanz vielen Fotos von Ute und Martha.
Zum Abendessen fahren wir in ein Gartenrestaurant, in dem wir am Feuer sitzen und gebannt der Traditionellen Kaffee-Zeremonie zusehen. Die Bohnen werden vor unseren Augen über Feuer frisch geröstet, dann kommt die junge Frau herum und fächelt uns den noch warmen Rauch zu. Die Kaffeebohnen zerstampft sie mit einem Messing-Mörser, was eine große Kraftanstrengung ist! Im letzten Jahr hat es Wiebke mal ausprobiert! Gleichzeitig kocht in einer Jebanna, einer bauchigen Tonkanne, das Wasser. Das Pulver wird hinzu gegeben und bis zu dreimal aufgekocht. Dann wird der Kaffee in kleinen Tassen mit Zucker oder auch Gewürzen gereicht, wobei 3 Tassen Pflicht sind, sonst verletzt man die äthiopische Gastfreundschaft... Denn beim Kaffee werden die Probleme besprochen und auch aus dem Weg geräumt und das dauert mindestens 3 Tassen lang. Zu jeder Zeremonie gehört auch das Verbrennen von Weihrauch, was die Sinne der Gäste „benebeln“ soll, und es wird meistens Popcorn gereicht. Der Kaffee ist einfach köstlich!


Donnerstag -18. November
Für heute steht der Besuch von 4 Waisenfamilien an, die von OSSA-Mitarbeitern regelmäßig besucht werden, aber noch keine Paten haben.
Uns werden die unterschiedlichsten Schicksale vorgestellt- ein 16-jähriger Junge, der sich um seine sterbende Mutter kümmert und trotzdem sehr gut in der Schule ist. Er möchte Pilot werden und als Paulos ihm einen der mitgebrachten Fußbälle schenkt, strahlen seine Augen. Wenn die Mutter stirbt, kann und muss er sich alleine versorgen. Er heißt übrigens auch Abdi - Hoffnung!
Die zweite Familie wohnt in sehr guten Verhältnissen - sie haben ein richtiges Haus mit Tisch und Stühlen und sogar Kissen und eine Tischdecke! Alle Kinder haben sich heraus geputzt, ein Junge trägt sogar einen kleinen Anzug. Beide Eltern sind HIV- positiv, der Vater ist  schon erkrankt, aber die 4 Kinder sind HIV- negativ.
Die nächste Familie lebt in einer sehr ärmlichen Hütte. Alle 5 Kinder teilen sich eine Matratze auf dem Boden! Auch hier sind beide Eltern positiv, die Kinder aber negativ. Hier ist auch die Kleidung sehr ärmlich und Eckard findet endlich einen passenden Jungen für sein Trikot  vom Fußballverein Nienstedten!!! Das wird natürlich ganz stolz für ein Foto präsentiert.
Der letzte Besuch führt zu Fassungslosigkeit, Tränen und Wut:
Die Wellblechhütte liegt abseits und sehr einsam, hat keine Fenster und als Tür nur ein Loch. Es ist stockfinster und auf dem Boden kommt uns eine undefinierbare Flüssigkeit entgegen gelaufen. Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen wir auf dem Boden eine stark hustende, kaum ansprechbare Frau liegen. Daneben hockt ein kleines, fast nacktes Kind, das uns mit großen Augen anstarrt und sich nicht bewegt. Ein etwas größeres Kind hackt auf dem Lehmfußboden Zwiebeln - das einzige Essbare in der Hütte. Auch Trinkwasser können wir nirgendwo entdecken!
Was uns so schockiert ist, dass beide Mädchen - 4 und 8 Jahre alt - völlig apathisch sind. Es ist keine Regung, nicht einmal Trauer in ihren Gesichtern zu sehen, im Gegensatz zu den Kindern, die wir bisher gesehen haben. Besonders das größere Mädchen wirkt völlig traumatisiert und es stellt sich die Frage, was dieses Kind schon alles erlebt hat.
Friederike hat Sachen zum Anziehen dabei und so können sich diese halbnackten Kinder erst einmal bekleiden.
Die Frau lebt hier alleine mit den kleinen Kindern, es gibt keine Verwandten, keine Nachbarn, niemanden, der sich jetzt, wo sie krank ist, um sie kümmert. Die Sozialarbeiterin kommt einmal die Woche, d.h. die Frau kann eine Woche tot in der Hütte liegen, ohne dass es jemand merkt. Ilka untersucht die Frau und äußert die Vermutung, dass sie eine Lungenentzündung hat, aber sie als Ärztin hat eine gut ausgestattete Reiseapotheke, die zum Glück auch ein Antibiotikum enthält.
Wir lassen Wasser, Geld, Kleidung und  Spielzeug für die Kinder da, werden aber stutzig, als plötzlich 3 etwa 20-jährige Jungen vor der Hütte auftauchen und als wir gehen wollen, in der Hütte verschwinden. Die Sozialarbeiterin geht hinterher und sieht, wie ein Junge das Geld in der Hand hat...
Und nun ist Ilkas Gutmütigkeit vorbei und auch Paulos wird böse, als er erfährt, dass die OSSA-Führung keine Ahnung von diesen Zuständen hat. Die Sozialarbeiterin bekommt das Geld mit der Auflage, Wasser und etwas zu essen für die Familie zu besorgen und abends, zusammen mit dem Antibiotikum und weiterer Kleidung, vorbei zu bringen.
Ilka entscheidet sich spontan, hier als Patin tätig zu werden und beschließt mit Paulos das weitere Vorgehen, z.B. richtige Betten mit Matratzen und Geschirr zu kaufen. Es gibt noch nicht einmal  die Möglichkeit, Kaffee zuzubereiten - eine Selbstverständlichkeit selbst in der ärmsten Hütte!
Wir sind völlig fassungslos und fragen uns, wie viele solcher Schicksale es wohl noch gibt!
Die Mittagspause brauchen wir heute, um uns wieder einigermaßen zu sammeln.
Am Nachmittag wartet Kes Alemu an der Augenklinik auf uns. Diese, mit sehr viel deutscher Unterstützung gebaute Klinik ist ein echtes „Vorzeige -Objekt“- freundlich eingerichtet, sauber und geordnet. Alle begrüßen uns sehr nett. Gerade fertig gestellt sind 2 Räume, in denen Patienten, die von weit her kommen, nach der OP übernachten können. Bisher mussten alle wieder nach Hause gehen, und das ist nicht selten ein Marsch von vielen Stunden oder sogar Tagen. Auch ein Laborkomplex ist neu und im Bau ist gerade ein Gästehaus mit 4 Schlafzimmern, Bad, Küche und Wohnzimmer. Hier sollen Ärzte und Krankenschwestern wohnen, die zu Arbeitseinsätzen in die Augenklinik kommen.
Der Besuch des Hospitals wird diesmal sehr kurz abgetan. Wir bekommen nur die Wäscherei zu sehen, in der die Waschmaschinen, so wie schon vor einem Jahr, defekt sind. Es gibt keine Ersatzteile mehr zu kaufen. Die gesamte Krankenhauswäsche - einschließlich  blutiger OP-Wäsche!! - wird also weiterhin in großen Wannen per Hand gewaschen!!! Über die Infektionsgefahr für die Menschen, die hier arbeiten, darf man besser nicht nachdenken, aber sie werden immerhin ein bisschen besser bezahlt... Und so ist der einzige Wunsch des Krankenhaus-Managers an uns auch: 25.000 Euro für die Anschaffung neuer Waschmaschinen. Aber das Geld ist nicht einfach so aus dem Hut zu zaubern und was ist, wenn die Maschinen wieder defekt sind...?
Kes Alemu lädt uns noch auf ein Gespräch bei Softdrinks ein, aber unsere Stimmung ist  ziemlich am Tiefpunkt. Dieser Tag war bisher eine emotionale Katastrophe, aber das gemeinsame Abendessen am Feuer mit langen Gesprächen über die Erlebnisse, hat uns wieder etwas aufgebaut.


Freitag -19. November
Das Frühstück ist ein einziges Chaos und darum schaffen wir es auch nicht, spätestens um 9.00 Uhr Richtung Aira aufzubrechen.
Der Besuch in Aira ist in diesem Jahr etwas ganz besonderes - hier haben die Eltern von Ute und Kathrin 5 Jahre gelebt und gearbeitet und Ute wurde hier geboren. Beide sind sehr gespannt!
Die ersten 100 Kilometer Strasse sind ganz ok - wir fahren durch eine Gegend, die bekannt ist für ihre Mango Produktion. Überall sind wunderschöne Mangobäume, aber die Ernte ist leider erst im Februar.
Das nächste Highlight ist eine Herde Paviane, die fluchtartig vor uns die Strasse überquert, als wir anhalten. Die kleinen Guereza-Affen dagegen klettern überall ganz munter in den Bäumen herum und sind auch gar nicht scheu. Sie heißen auch Mantelaffen und sind verwandt mit den Meerkatzen.
In Gimbi machen wir eine Kaffeepause und dann beginnen die letzten 80 km - leider hört die Strasse hier auf und wir holpern über äthiopische Staubpiste...
Eine kleine Nebenstory: Die Chinesen und Koreaner sind in Äthiopien zum Straßenbau und leben hier in Camps. Die Chinesen bauen sehr schnell, leider sind die Strassen nach 2 Jahren meistens schon wieder hinüber. Die Koreaner bauen langsamer, dafür halten die Strassen länger. Sagt man...
Unterwegs werden die Wolken dunkler und es fallen dicke Tropfen. Sofort bilden sich große Pfützen und die Schlaglöcher füllen sich. Aus dem roten Staub wird eine seifige Schmiere und wir hoffen, dass die Strasse passierbar bleibt und das Auto hält!
Aber nach 5 Stunden (180km!) ist es soweit, wir sehen Aira auf dem gegenüber liegenden Bergrücken! Jetzt sind es nur noch 3 km. Aira hat ca. 8000 Einwohner und auch hier liegen die Hütten entlang der roten Strasse. Es gibt sogar einige kleine Hotels.
Wir erreichen den Hospital - Compound und werden sehr freundlich von Sennait Eriksen in ihrem Haus empfangen. Sie ist die Frau des dänischen Chefarztes Erik Eriksen, der seit 5 Jahren dieses Hospital leitet. Sennait stammt aus Äthiopien, ist als kleines Kind aber, zusammen mit ihrem Bruder, von Schweden adoptiert worden und in dem Land aufgewachsen.
Wir werden zu einem kleinen Lunch eingeladen und stürzen uns ganz entzückt auf Tomaten- und Möhrensalat. Es ist der erste Salat nach 7 Tagen, den wir ohne Bedenken essen können!
Dann werden wir von Dr. Erik im Hospital erwartet. Er ist etwas in Eile, denn ein Kaiserschnitt und eine Blinddarm - OP stehen noch an. Dr. Erik ist zur Zeit der einzige Chirurg in der Klinik. Dr. Tarik, der General - Surgeon ist in Urlaub und Dr. Samuel, der Augenarzt ist zu einer Fortbildung in Nepal. Das bedeutet für Dr. Erik 7 Tage die Woche 24 Stunden Dienst!! Die Führung durch das Hospital fällt dann auch etwas kürzer aus, aber da die Gruppe diesmal hauptsächlich aus Nicht-Medizinern besteht, ist das so in Ordnung. Die Klinik ist sauber und freundlich- gar kein Vergleich zu Nekemte! Dr. Erik stellt uns einige seiner Patienten vor, die er operiert hat, darunter auch ein Kind und ein Mann mit Schussverletzungen...
Dr. Erik muss in den OP und wir haben Gelegenheit, über den Compound zu laufen. Ute zeigt uns ihr Geburtshaus, sowie das erste Missionshaus, indem ihr Vater sein erstes Jahr in Aira verbracht hat. Der ganze Compound ist ein tropisches, blühendes Paradies!
Das Abendessen nehmen wir zusammen mit einer schwedischen Gruppe im Haus von Dr. Erik ein. Die Schweden sind auf den Spuren schwedischer Missionare unterwegs, sie kaufen äthiopischen Frauen geflochtene Körbe ab, die sie zuhause dann weiter verkaufen. Wir sitzen auf der Veranda (zusammen mit vielen interessanten Insekten) und es kommt zu netten Gesprächen. Fragen an Dr.Erik müssen wir irgendwann abbrechen, denn um 22 Uhr geht der Generator und somit das Licht aus.
In meinem Zimmer treffe ich dann auch wieder auf viele exotische Mitbewohner. Also heißt es bei Kerzenlicht und Taschenlampe - Moskitonetz anbringen. Und schon ist die Nachtruhe etwas sicherer - allerdings wurden wir eindringlich gebeten, alle Türen abzuschließen!!!
Spruch des Tages von Dr. Erik: „My wife is like a coconut - outside black and inside white.“


Samstag -20. November
Mit Frühaufsteherin Ilka laufe ich am Morgen vor dem Frühstück über den Compound. Welch ein Erlebnis! Der Tag beginnt kühl und der Nebel liegt über den weiten Tälern und die Äthiopier, denen wir begegnen, schauen uns sehr verwundert an. Zwei weiße Frauen um diese Uhrzeit beim Spazieren gehen... Aber wir werden mit wunderschönen Eindrücken belohnt.
Das Frühstück bei Sennait ist ein Gedicht: Brötchen aus Teff, Ei mit schwedischem Kaviar (ein Mitbringsel aus der Heimat), Orangenmarmelade, Honig, Käse, Kaffee, Tee...
Dr. Erik ist schon wieder zur Visite in der Klinik, nachdem er auch in der Nacht operiert hat. Dementsprechend müde sieht er dann auch aus, als er sich später kurz zu uns setzt, um dann mit Sennait, die Krankenschwester ist, wieder zur Arbeit zu gehen.
Vor der Abfahrt treffen wir noch den Hospital - Manager. Er gibt uns noch einen Einblick in ein paar Zahlen der Klinik:

    90 Betten
    3 Chirurgen
    25.000 Patienten pro Jahr
    180 Mitarbeiter
    35 Birr pro Nacht mit Verpflegung
    120 Birr für eine normale Geburt
    260 Birr für einen Kaiserschnitt
    500 Birr für komplexere Operationen
    Aids und Tbc-Medikamente werden kostenlos verteilt

Zur Erinnerung: 50 Birr entsprechen ca. 2,15 Euro - eine Krankenschwester verdient ca. 950 Birr im Monat.
Nach einem sehr herzlichen Abschied machen wir uns nun auf den Weg nach Tschallia. Dort wollen wir Hermann Kruse besuchen. Er ist 1972 von Hermannsburg nach Tschallia gekommen und hat seit dem eine wirklich beeindruckende Aufbauarbeit geleistet. Doch davon etwas später.
Wir fahren ca. eine Stunde nach Golissa. Dort erwartet uns Hermann mit seinem Pickup, denn es ist nicht ganz klar, ob unser Minibus für den Weg nach Tschallia geeignet ist. In Golissa ist Markttag, Menschenmengen schieben sich durch die Dorfstrasse und überall wird gehandelt, gekauft und verkauft. Wir überlegen kurz auszusteigen, fühlen uns im Auto dann aber doch sicherer...
Hermann begrüßt uns typisch norddeutsch kurz und knapp: „Ich bin der Hermann“ - er ist uns sofort sympathisch. Der Minibus wird begutachtet und für gut befunden, den Weg nach Tschallia zu überstehen. Beim Überqueren von zwei Furten wird uns aber doch etwas mulmig, wir steigen aus, um das Gewicht des Wagens zu reduzieren... Doch Paulos bringt den Bus mit Hermanns Hilfe sicher auf die andere Seite.
Die Landschaft wird immer uriger und der Wunsch, endlich mal ein Stück zu Fuß zu gehen, wird dann auch kurz vor Tschallia von Hermann abgesegnet. Notfall-Handynummern werden ausgetauscht und dann geht es los. Ein ca. einstündiger Fußmarsch, begleitet von vielen Kindern, Weißschwanzaffen und einer wunderschönen Landschaft, ist ein tolles Erlebnis. Im Dorf  angekommen wird es aber doch etwas ungemütlich, es ist Markttag und es sind unzähligen Menschen unterwegs. Aber Hermann hat vorsorglich Paulos losgeschickt, um die Gruppe einzusammeln.
Der Compound von Hermann Kruse ist ein wunderschönes grünes Areal mit Palmen, Blumen, Bananen und das Gästehaus ist klasse. Da es schon seit einiger Zeit keinen Strom im ganzen Ort gibt, rüsten wir unsere Zimmer mit Kerzen aus und  hüllen noch im Hellen die Betten in Moskitonetze ein...
Zum Lunch sind wir bei Hermann eingeladen. Er hat eine nette Veranda neben der original afrikanischen Küchenhütte - natürlich mit offenem Feuer innen. Es gibt Wot und für alle, die kein Injera, den aus Sauerteig zubereiteten Teigfladen mögen, gibt es Reis. Das Essen wird zu einem netten Frage- und Antwortspiel. Hermann, der froh zu sein scheint, endlich mal wieder Besuch aus der Heimat zu haben, taut richtig auf und erzählt uns aus seinem äthiopischen Leben.
Richtig anschaulich wird das Ganze, als er uns nach dem Essen zu einem Rundgang über sein Gelände einlädt.
Das Kernstück ist die BTS - Building Trade School - eine Handwerks-Schule. Hier werden 21 Jugendliche aus der Region ein Jahr lang ausgebildet, so dass sie anschließend ihr eigenes Gewerbe starten oder auch weiter studieren können. In diesem Jahr sind zum ersten Mal 9 Mädchen dabei. Während der Ausbildung lernen sie, mit Holz, Metall, traditionellem Lehmbau, Brennen von Ziegeln etc. umzugehen. Des weiteren wird hier Kaffee, Ananas und Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut.
Hermanns Hauptprojekt ist allerdings das Aufforsten der Umgebung. Er zeigt uns stolz die Baumschule, wo Hunderte von kleinen Setzlingen darauf warten, in der Umgebung ausgesetzt zu werden. Er ist seit 37 Jahren damit beschäftigt, hauptsächlich Bäume aus dem Ausland hier anzupflanzen. Außerdem schult er die Bauern aus der Umgebung. Ihnen wird beigebracht, so zu pflanzen, dass der Korrosion Einhalt geboten wird. Dazu wird von der BTS ein spezielles Gras angepflanzt, das mit tiefen Wurzeln den Boden schützt. Das ist ein schwieriges Projekt, aber Hermann hat die nötige Ruhe, auf Erfolge auch mal Jahre zu warten...
Der Höhepunkt des Tages wird die Fahrt mit dem Pickup durch das Gelände. Wir fahren durch Urwald, weites Gelände und enge, von Büschen bewachsene Wege in die Dämmerung hinein. Um das Ganze perfekt zu machen, strahlt noch der Vollmond vom Himmel - im Vordergrund dazu die Schirmakazien - wie für uns bestellt. Das ist Äthiopien!!!
Es ist beeindruckend, wie sicher uns Hermann wieder zum Compound führt. Trotz Vollmond ist das Dorf nicht zu erkennen und durch den Stromausfall wirkt alles recht unheimlich.
Das Abendessen bei Hermann wird dann auch bei Kerzenlicht zubereitet. Wir sitzen gemütlich am großen Tisch in seiner Küche und schlemmen bei Brot, Käse, Salami und Bier. Dem aufmerksamen Leser wird schon aufgefallen sein, wie wir uns über das einfachste Essen riesig freuen können...
Gegen Mitternacht heben wir diese gemütliche Runde auf und Hermann bringt uns mit dem Licht von unseren Taschenlampen zum Gästehaus zurück. Er bittet uns noch eindringlich, die Fensterläden über Nacht  zu schließen... - die Hyänen hören wir aus der Ferne heulen und die Geparden werden ja von der Umzäunung abgehalten...
Doch da wir zum ersten Mal alle gemeinsam in einem Gästehaus schlafen, ist ja alles gar nicht so schlimm!!


Sonntag -21. November
Ich will ja nicht schon wieder vom Essen schwärmen, aber das Frühstück auf der Veranda ist ein Gedicht! Selbst gebackenes Brot und Kuchen, Eier, Käse, Salami, Bananen, Melone, Kaffee... und natürlich eine nette Unterhaltung mit Hermann.
Er fährt heute mit dem Motorrad Richtung Addis - seine Fahrzeuge müsse zum TÜV, wozu man in Äthiopien aber nicht unbedingt die Fahrzeuge vorzeigen muss... und wir verabreden uns mit ihm für den letzten Abend zum Essen.
Vorher zeigt er uns aber noch das Missionshaus, in dem die Eltern von Kathrin und Ute lebten und in dem auch ihre Brüder zur Welt kamen. Noch ein kurzer Blick in die Klinik auf dem Compound und dann müsse wir auch los - die lange Fahrt nach Nekemte liegt vor uns.
Die Strasse ist wieder eine Geduldsprobe, aber die schöne Landschaft und die Affen entschädigen uns. Unterwegs überholen uns die Schweden, die wir in Aira kennen gelernt haben und wir treffen sie auch bei der Pause in Gimbi wieder. Nach 3 Stunden Fahrt wird hier auch endlich die Strasse wieder besser! Auf den nächsten Kilometern überholt uns Hermann auf seinem Motorrad und wir verabreden uns zu einer Mittagspause in der neu gebauten Lodge am Didessa-River. Es ist eine Hotelanlage, die erst seit zwei Wochen geöffnet hat und mit den typisch afrikanischen Rundhütten sehr einladend aussieht. Leider scheinen wir die einzigen Gäste zu sein und der Besuch der Toiletten ist ein Graus! Aber das Personal ist sehr freundlich und aufmerksam, das Essen sehr lecker und mit der entsprechenden Werbung könnte eine nette Anlage daraus werden.
Unterwegs ruft uns Kes Alemu, der Leiter der Augenklinik in Nekemte an, und lädt uns für den Abend zum Essen ein. Plötzlich haben wir richtigen Terminstress, denn der Weg nach Nekemte ist noch lange nicht zuende.
Aber kurz nach fünf sind wir wieder im Hotel, schnell unter die Dusche gesprungen und dann zur Verabredung mit Kes Alemu. Die Gruppe ist skeptisch, denn das erste Treffen mit ihm im Hospital hat Vorbehalte geweckt - warum lädt er uns ein, was erwartet er von uns?
Wir treffen in einem netten äthiopischen Restaurant auf 3 Engländerinnen, die mit Kes Alemu in der Augenklinik zusammen gearbeitet haben, sowie auf seine Frau und Tochter Feben. Das lockert die Stimmung auf und es kommt zu interessanten Gesprächen. Das Essen nehmen wir auf typischen Hockern und kleinen Beistelltischen ein, die wir nicht so ganz voneinander unterscheiden können. Aber Feben, das 9-jährige Mädchen passt gut auf und so kommt von ihr auch der empörte Ausruf: “No, that´s not a chair!!!“
Ich führe noch ein langes Gespräch mit Kes Alemu, indem ich ihm auch von dem Eindruck der Gruppe berichte, im Hospital nicht willkommen gewesen zu sein. Er ist darüber sehr bestürzt und erläutert die Situation der Menschen, die in der Klinik arbeiten. “They are depressed“... Erneut äußert er die Bitte um eine Spende für eine Waschmaschine - 200.000 Birr = ca. 8800 Euro. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein und ich verspreche, das Anliegen zuhause vorzutragen.
Die Runde löst sich doch sehr früh auf und wir laufen durch die Dunkelheit zu unserem Hotel zurück. Kes Alemu bittet uns, in der Gruppe zu bleiben und gut auf unsere Taschen zu achten. Im Hotel sitzen wir dann noch lange bei Wein und Ambo(äthiopisches Mineralwasser) draußen und lassen den Tag ausklingen.


Montag -22.November
Heute steht die Fahrt ins Didessa-Tal an. Wir fahren die Strasse Richtung Gimbi und dann geht es rechts ab in eine Landschaft, die sich zusehends verändert. Es wird karg, es gibt kaum noch Bäume und es wird deutlich heißer.
Die Menschen, die hier leben, sind noch sehr weit in der Zeit zurück. Sie leben weitab der Zivilisation in den typischen Rundhütten mit sehr vielen Kindern... Ihre Hautfarbe ist ganz besonders schwarz und die Köpfe sind von kleinen Haarknoten bedeckt - sie sehen völlig anders aus, als die anderen Menschen, die wir bisher auf unserer Reise durch das Land gesehen haben.
An einer der Rundhütten halten wir an und besuchen eine Familie mit vielen Kindern, die genaue Zahl konnten wir in dem Getümmel nicht ausmachen... Zwei von ihnen beginnen zu weinen, als sie uns sehen. Wahrscheinlich sind wir die ersten weißen Menschen, denen sie in ihrem Leben begegnen und auch unsere Kameras scheinen ihnen Angst zu machen. Von Friederike kommt dann die Idee, an die wir bisher auf der ganzen Reise nicht gedacht haben: Es gibt keine Spiegel und so sehen sich die Kinder in unseren Kamera-Displays zum ersten Mal in ihrem Leben selbst!
Wir wandern noch kurz zu einem wunderschönen, abgelegenen Wasserfall - Fotos machen - und müssen dann zurück, weil wir um 18.30 Uhr von den OSSA-Leuten zum Dinner eingeladen sind.
Wir werden in dem Garten - Restaurant erwartet, indem wir abends schon zweimal gegessen und am Feuer gesessen haben. Obo Gelalcha, Ato Temesgen und einige Sozialarbeiter von OSSA  begrüßen uns ganz herzlich und mischen sich unter die Gruppe. So kommt es zu vielen interessanten Gesprächen, Ideen und Vorschlägen, wie man die Arbeit von OSSA auch in Deutschland publik machen kann. E-Mail - Adressen werden ausgetauscht, so können wir auf kurzem Weg Kontakt aufnehmen und wir bekommen das Versprechen, über die Sozialarbeiter von unseren Patenkindern Weihnachtspost zu erhalten. Mal abwarten, ob das wirklich funktioniert...
Noch einmal wird für uns die traditionelle äthiopische Kaffeezeremonie draußen am Feuer zelebriert und wie für den letzten Abend in Nekemte bestellt, zieht eine gewaltige Sternschnuppe über den Himmel...


Dienstag -23. November
Heute steht die lange Rückfahrt von Nekemte nach Addis an. Wir fahren schon früh um 7.00 Uhr los und hoffen, die 11 Stunden der Hinreise zu unterbieten. Ca. 340 km liegen vor uns und davon sind die letzten ca. 220 km „gute Strasse“ - der Rest besteht hauptsächlich aus Schlaglöchern.
Eckart hat es - passend für die Fahrt - wieder erwischt: Magen- und Darmprobleme! Schon nach der ersten halben Stunde beginnt die Suche nach einer Bush- toilet und nach Immodium. Der Rest der Gruppe hat die „äthiopischen Umstände“ gut überstanden. Uns plagt hauptsächlich Husten und Schnupfen, trotz des sonnigen und warmen Wetters.
Gegen 11.30 Uhr erreichen wir Ejajii, den Heimatort von Paulos Familie. Wir machen hier Rast und werden von Paulos´ Vater, dessen Frau und einigen seiner Brüder (Paulos hat 11 Geschwister) ganz herzlich begrüßt. Ein fürstliches Essen erwartet uns - natürlich das traditionelle Wot! Paulos hat unterwegs extra noch Brot gekauft, weil einige von uns kein Injera essen, aber auch mit Weißbrot kann man die leckeren Beilagen vom Teller greifen. Der Fernseher mit BBC läuft die ganze Zeit im Hintergrund und wir erfahren vom Angriff Nordkoreas auf Südkorea. Außerdem hören wir von  konkreten Terrorwarnungen für deutsche Flughäfen in den nächsten Tagen. Die Realität kehrt so langsam zurück und uns wird schon etwas mulmig...
Wir unterhalten uns mit dem Vater, der Arzt ist und dem Bruder, die gemeinsam ein kleines Gesundheitszentrum betreiben. Es besteht aus einem Drugstore, einem Labor und zwei Untersuchungsräumen mit Liegen. Hier werden die Menschen aus der Umgebung mit leichteren Krankheiten behandelt. Nach dem Essen bekommen wir eine kleine Führung und Paulos´ Bruder, der Pharmazeut ist, zieht für die Fotos extra den weißen Kittel an.
Dann müssen wir weiter, die Zeit drängt! Dann kurz vor Ambo ein Schreck - entgegen kommende Autofahrer gestikulieren wild und zeigen auf den linken Vorderreifen. Der Reifen ist fast platt, aber wir sind zum Glück kurz vor einem Dorf, wo Paulos den Reifen wieder aufpumpen kann. In dem netten Gartenkaffee, in dem wir auch schon auf dem Hinweg Rast gemacht haben, halten wir zur kurzen Kaffeepause und dann sehen wir es  - der Reifen ist schon wieder ohne Luft! Paulos will in die Werkstatt und den Reifen checken lassen und sagt uns, er sei in 15 Minuten wieder da. Wir richten uns auf eine längere Pause ein, aber er ist tatsächlich nach kurzer Zeit mit dem Bus wieder zurück. Zwei Löcher im Reifen sind geflickt - in einer für Äthiopien wahnsinnigen Geschwindigkeit!
Auf dem Rückweg sehen wir etliche Chinesen - Camps, aber an der Strasse baut auch heute niemand. Doch der Vollständigkeit halber muss ich sagen, dass die „gute Strasse“ deutlich länger ist, als im letzten Jahr.
Eine Teil der Strasse wird gesäumt von riesigen Gewächshäusern. Hier werden die Rosen gezüchtet, die wir dann „günstig“ von den Holländern kaufen, welch ein Wahnsinn! Allerdings sind diese Betriebe große Arbeitgeber, es kommen uns Hunderte von Menschen entgegen, die Feierabend haben und es sind hauptsächlich Frauen.
Wir sehen schon wieder einen umgekippten Laster, den dritten auf dieser Rückfahrt. Laut Paulos werden sie hier „Al Kaida“ genannt - jetzt sehen wir warum...
Gegen 17.30 Uhr sind wir wieder in der Hermannsburger Mission. Die Fahrt hat diesmal nur 10,5 Stunden gedauert!!! Christian wartet schon und begrüßt uns wie seine verloren gegangenen Kinder. Er erzählt uns freudig, dass er seine Pläne bezüglich des Wasser-Projektes erfolgreich in Gang gebracht hat.
Auch Hermann Kruse hat es mit seinem Motorrad bis nach Addis geschafft und so können wir unsere Verabredung zum Abendessen wahr machen. Ein kurzer Sprung unter die Dusche, eine kleine Verschnaufpause und dann geht es zum Abendessen.
Eine Empfehlung aus dem dt Reise-Knowhow Reiseführer ist das „African Queen Restaurant“ in der Bole Street. Die äthiopische Köchin hat ihre Ausbildung hauptsächlich in Deutschland gemacht und bietet neben der äthiopischen auch deutsche Küche an. Wir sind gespannt, die Speisekarte ist unglaublich: Neben „Traditional local food“ gibt es Sauerbraten, Spätzle, Leberknödelsuppe, Kaiserschmarrn... Bis auf Ute und Hermann, die natürlich Wot essen, sind alle froh über die Abwechslung. Selbst Paulos isst Pasta!
Und wieder fällt der geplante Besuch eines Nightclubs mit äthiopischer Tanzveranstaltung aus, alle wollen nach dem langen Tag und der anstrengenden Fahrt nur noch ins Bett. Die letzte Nacht in Äthiopien und zum letzten Mal der Spruch von Paulos zur Nacht: You can schlaf!


Mittwoch - 24. November
Ein letztes gemeinsames Frühstück in der GHM - Hermann Kruse ist auch noch da und es fühlt sich so an, als würde er die ganze Zeit zu unserer Reisegruppe gehören! Aber dann heißt es doch „Abschied nehmen“, denn wir haben noch eine Verabredung mit Zenabua im Waisenhaus und Hermann hat noch in Addis zu tun.
Das Gelände mit dem Waisenhaus wirkt auf den ersten Blick wie ein kleines, behütetes Paradies. Wir stehen vor einer Mauer und verschlossenem Tor und müssen uns anmelden.
Im Hof wartet Zenabua in einem langen weißen Kleid und hält für jeden von uns einen kleinen Blumenstrauß in der Hand.
Zusammen mit ihrer Waisenhaus - Mutter führt sie uns über das Gelände - ein idyllisches Fleckchen Erde. Die flachen Gebäude liegen in einem großen, grünen Garten, es gibt eine Küche, einen Esssaal, Werkstätten wie z.B. eine Näherei und Weberei und die Wohnhäuser, in denen die Kinder und Jugendlichen schlafen. In den Zimmern befinden sich jeweils 4 Stockbetten und kleine Spinde, in denen die privaten Sachen der Mädchen untergebracht sind. Alles wirkt sehr aufgeräumt, sauber und auch wohnlich.
Auf dem Gelände ist auch eine Schule, die nicht nur von den Waisenkindern besucht wird. Es ist gerade Pause - die Mädchen und Jungen in ihren Schuluniformen spielen streng getrennt. Auch einen Kindergarten bekommen wir zu sehen und sind erstaunt über die liebevolle  Einrichtung der Räume, die Ordnung und Sauberkeit. Auf einem Tisch finden wir eine Auswahl von Bilderbüchern, hauptsächlich in deutscher Sprache. Etwas makaber ist das Buch, das ganz vorne steht: “Zehn kleine Negerlein“... Im Hof des Kindergartens ist ein gewaltiger Lärm, Jungen und Mädchen spielen auch hier getrennt und versuchen sich gegenseitig in ihrer Lautstärke zu überbieten.
Die Leiterin des Waisenhauses lädt uns zum Lunch ein, den wir im „Wohnzimmer“ für Gäste einnehmen, ein Raum mit großem Esstisch und gemütlichen Sofas. Wie auch schon bei Paulos zuhause sind Sessel und Sofas mit kleinen Deckchen verziert und an den Wänden hängen große Bilder. Es gibt natürlich das typisch äthiopische Wot und wir können gar nicht soviel essen, wie uns aufgetischt wird.
Nach dem Lunch dann der eigentliche Grund, warum wir überhaupt in diesem Waisenhaus sind: Friederike und Eckart besprechen mit Zenabua, der Waisenhaus-Mutter und Paulos die Zukunft des Mädchens. Die Zeit drängt, denn sie muss Ende des Jahres das Waisenhaus verlassen. Zenabua hat beschlossen, zur „Secretary-School“ zu gehen. Sie kann sich vorstellen, dass ihr das Spaß machen wird und wir hoffen für sie, dass sie dieses Vorhaben dann auch umsetzten wird...
Zum Abschluss des Besuches bekommt noch jeder von uns ein Geschenk von Zenabua, dann kommt es zu einem sehr emotionalen Abschiede zwischen ihr und ihren Pateneltern. Es ist völlig ungewiss, ob und wann sie sich wieder sehen.
Vor der Rückkehr zur Hermannsburger Mission geht es noch auf die Shopping Meile, Mitbringsel - T-Shirts, Holzschüsseln, Salatbestecke aus Holz  -  für zuhause einkaufen. Endlich finden  auch ein paar Postkarten, die bisher Christian von seinen Streifzügen in Addis für uns mitgebracht hat.
Zum ersten Mal auf dieser Reise haben wir am Nachmittag 2,5 Stunden Ruhe und Zeit für uns. Und trotzdem sitzen wir gemeinsam auf der Veranda, reden, schreiben Tagebuch und Postkarten und genießen noch einmal diese kleine Oase mitten in der Großstadt.
Dann eine letzte Dusche mit den Spinnen, Sachen packen und zum Abendessen noch einmal zur „African Queen“, die auf dem Weg zum Flughafen liegt. Selbst Kathrin isst heute Leberknödel-Suppe und ich bekomme den genialsten Pancake mit Zimt und Zucker, den ich je in meinem Leben gegessen habe!!!
Christian hält eine schöne Abschiedsrede, die Paulos sichtlich rührt und auch er bedankt sich für die Zeit mit uns. Ein schöner Abschluss dieser Reise!
Dann noch ein gemeinsames Gruppenfoto und auf geht es zum Flughafen, wo der Abschied von Paulos sehr herzlich ausfällt. Obwohl früh genug angekommen, schaffen wir es noch gerade in den Flieger, denn die Äthiopier nehmen es wieder mit der Kontrolle von Mensch und Gepäck sehr ernst...
Dann aber hebt der Lufthansa Flug LH 599 vom Bole International Airport in Richtung Frankfurt ab - es erwartet uns ein ruhiger Nachtflug zurück in die Realität.


Freitag -25. November
Am Morgen trennt sich der Wege der Gruppe. Das geht natürlich nicht ohne Zwischenfall ab - Eckart hat sein Handy im Flieger liegen lassen und muss noch mal zurück. Der Abschied ist etwas überstürzt, denn der Flieger nach Bremen, den Ilka und ich nehmen müssen, wartet. Ute und Kathrin treffen in Frankfurt noch ihre Eltern, Christian muss zum Zug und Friederike und Eckart warten auf den Flug nach Hamburg.
 

Fazit der Reise
Die Gruppe war diesmal klein, was sehr viel Flexibilität und Spontanität zuließ. Vom ersten Moment an war es ein harmonisches Miteinander, obwohl der große Teil sich nicht kannte und alle unterschiedliche Gründe für diese Reise hatten.
Für Ute, Christian und mich war es eine Wiederholungsreise. Ute war auf den Spuren ihrer Familie unterwegs, Christian wollte die Arbeit der Wasserstiftung weiter voran bringen, mich hat die erste Reise so fasziniert, dass ich unbedingt noch einmal in dieses Land zurück wollte. Friederike und Eckart haben diese Reise genutzt, um neben dem Land auch ihr Patenkind kennen zu lernen. Kathrin war nach Jahren des Zögerns nun auch soweit, in das Land ihrer Eltern zu reisen - und Ilka  reist eben gerne und kannte Äthiopien noch nicht...
Diese Reise hat alle sehr beeindruckt. Wir haben Faszinierendes, Erschreckendes, Trauriges, Schönes, Fröhliches und Lustiges erlebt. Überall wurden wir sehr herzlich und mit großer Gastfreundschaft empfangen. Paulos war ein gewissenhafter, kompetenter und stets freundlicher Guide, mit dem ich jederzeit wieder durch das Land fahren würde.
Es waren zwei interessante Wochen, die sehr viele Fragen aufgeworfen haben. Wir haben gemeinsam versucht Antworten zu finden, aber letztlich hat jeder diese Zeit für sich anders erlebt, empfunden und verarbeitet. Und wir haben festgestellt, dass es auf manche Fragen einfach keine Antworten gibt.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Paulos und natürlich bei Ute, Kathrin, Ilka, Friederike, Eckart und Christian für die tatkräftige Unterstützung und das herzliche Miteinander während dieser zwei Wochen bedanken!!!
Ein ganz besonderer Dank gilt Antje Sieburg, die diese Reise bis ins kleinste Detail im Vorfeld für uns geplant und organisiert hat und uns leider nicht begleiten konnte.

Wenn Sie uns bei unseren Projekten in Äthiopien helfen wollen:
unser Spendenkonto: 25 12 34 56 bei der Sparkasse Rotenburg-Bremervörde
(BLZ 241 512 35), Stichwort: Äthiopien.