1810/11 schafft Fürst von Hardenberg das Zunftwesen ab und führt die Gewerbefreiheit ein: jeder Handwerker, der will, darf sich nun selbständig machen. Allerdings entstehen zu gleicher Zeit überall Fabriken, in denen Produkte viel günstiger hergestellt werden. Dies bedeutet für viele Handwerksbetriebe den Ruin. Eine allgemeine Verelendung (Pauperismus, von pauper, lat. = arm) setzt ein, die durch die steigende Bevölkerungszahl nur noch verstärkt wird. Die verarmten Landbewohner ziehen in die Stadt in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden. In den neu errichteten Fabriken arbeiten sie für Hungerlöhne 12 - 14 Stunden. Ihre Familien leben in viel zu engen und unhygienischen Elendsquartieren. Die katastrophalen Wohnverhältnisse und die Unterernährung bieten besten Nährboden für Seuchen und Erkrankungen.
Sozial- und Krankenpflegewesen nach 1800
Für kranke oder invalide Menschen dieser neu entstandenen Unterschicht
gibt es keine staatliche Hilfe. Wer arbeitslos ist oder nicht genug
verdient, bleibt seinem Schicksal selbst überlassen. Die Hospitäler quellen über - nicht nur von Armen und Kriegsversehrten, sondern auch Obdachlose, Findelkindern etc. Eine angemessenen Pflege ist nicht möglich, zudem ist das Pflegepersonal oft kaum qualifiziert („Lohnwärter“).
Privatpflege können sich nur Besserverdienende leisten. Lediglich die von katholischen Ordensschwestern („Barmherzige Schwestern“) geführten Hospitäler gewährleisten eine gute Behandlung der Kranken.
Auflösung der Großfamilie
Auch im Mittelstand vollziehen sich elementare Veränderungen. Wurde in
der Großfamilie noch jedes Familienmitglied als wichtige Arbeitskraft
gebraucht, so verändert sich die Rollenverteilung zu Beginn des 19.
Jahrhunderts mit beginnender Auflösung der traditionellen Großfamilie.
Der Arbeitsbereich des Mannes verlagert sich zunehmend nach „draußen“,
außerhalb des Wohnbereichs, die Tätigkeiten der bürgerlichen Hausfrau
reduzieren sich auf Haushaltsführung und Kindererziehung.Für die unverheiratete Frau, die bis dahin als Arbeitskraft in der Familie unentbehrlich war, entsteht ein Leerraum, den sie - da es die Berufstätigkeit als Alternative noch nicht gibt - nur schwer zu füllen weiß.
